Chinas frühe Hochkultur: Shangstaat


Chinas frühe Hochkultur: Shangstaat
Chinas frühe Hochkultur: Shangstaat
 
 
Mit dem Aufstieg der Sippe Zi zur Macht in der »Zentralebene« beginnt insofern ein neues Kapitel in der chinesischen Geschichte, als wir uns nun erstmals auch auf zeitgenössische schriftliche Aufzeichnungen berufen können. Wiederholt schon war die Rede von Orakelknochen (»jiagu«), auf denen uns die wichtigsten und ausführlichsten zeitgenössischen Aufzeichnungen aus der jüngeren Shangzeit (16.-11. Jahrhundert v. Chr.) überliefert wurden. Sie sollen wegen ihrer Einmaligkeit und überragenden Bedeutung für die früheste Geschichte Chinas im folgenden ausführlich behandelt werden.
 
Es ist üblich geworden, die Shangdynastie, die bei Sima Qian alternativ Yindynastie heißt, in zwei Zeitabschnitte zu unterteilen, die ältere Zhengzhouperiode (16.-14. Jahrhundert v. Chr.) und die jüngere Anyangperiode (13.-11. Jahrhundert v. Chr.). Beide Bezeichnungen sind von heutigen Städten abgeleitet, nämlich von Anyang im äußersten Norden der Provinz Henan und von Zhengzhou, das zwischen den beiden alten Kaiserstädten Luoyang und Kaifeng, kaum 15 km südlich des Gelben Flusses, liegt. In ihrer Umgebung wurden reichhaltige archäologische Funde gemacht, die jeweils für die genannten Perioden der Shangzeit von besonderer Bedeutung waren.
 
Heute sind ca. 160 000 Orakelknochenstücke bekannt, von denen der weitaus größte Teil beschrieben ist (ein Zeichen bis hin zu mehreren Dutzend ). Die meisten fand man im Verlauf von nunmehr knapp 100 Jahren in der Nähe von Anyang. Der Fundort wurde von Sima Qian schon um 100 v. Chr. als Yinxu (die Überbleibsel von Yin) bezeichnet. Hier befand sich nach damaliger und heutiger Auffassung die letzte, traditionell als Yin bekannte Hauptstadt der im 11. Jahrhundert v. Chr. untergegangenen Shangdynastie.
 
Die Begleitumstände, die zur Entdeckung der Orakelknochen Ende des letzten Jahrhunderts geführt haben, sind heute nur unzureichend bekannt. Der hierfür wichtigste Chronist, der 1963 verstorbene Dong Zuobin, hat verschiedene Versionen parat, unter denen die folgende die plausibelste zu sein scheint. Wang Yirong, Ende des 19. Jahrhunderts Dekan an der renommierten Hanlin-Akademie in Peking und ein guter Kenner der alten chinesischen Bronze- und Steininschriften, hatte einen Malariaanfall in seinem Haus. Der behandelnde Arzt, ein Vertreter der einheimischen Medizin, verschrieb ein Medikament, das neben anderen Zutaten auch »Stücke von verrotteten Schildkrötenpanzern« enthalten sollte.
 
Als der Hausherr die aus einer traditionellen Apotheke herbeigeschafften Bestandteile vor der Zubereitung in Augenschein nahm, entdeckte er auf einem zum Zermahlen bestimmten »Stück verrottetem Schildkrötenpanzer« chinesische Zeichen. Er kannte sie nicht, doch als kenntnisreicher Epigraphiker (Inschriftenforscher) vermutete er in ihnen ähnlich alte oder ältere Zeichen, wie er sie von den Stein- und Bronzeinschriften aus frühester Zeit kannte. Umgehend erwarb er alle beschrifteten Stücke aus jener Apotheke und bemühte sich um weitere »longgu« (»Drachenknochen«), wie man sie im Volk auch nannte. Ihm kommt das Verdienst zu, den wissenschaftlichen Wert der archaischen Zeichen erkannt und erstmalig eine kleine Sammlung von Orakelknochenstücken angelegt zu haben. Nach seinem Freitod im Jahre 1900 kam seine Kollektion an Liu E, der sie mit Hilfe von Raritätenhändlern auf fast 6 000 Stücke erweiterte. Seine Pioniertat war, dass er von etwa 1 000 dieser bislang unbekannten Inschriften naturgetreue Kopien (Abklatsche) herstellte. Er publizierte sie, mit ersten Erklärungsversuchen versehen, 1903 im Steindruckverfahren für die gelehrte Welt in sechs Bänden. Daraufhin beschäftigte sich nun eine größere Zahl von Forschern mit den Knocheninschriften. Unter ihnen tat sich insbesondere der 1908 verstorbene klassische Gelehrte Sun Yirong mit richtungsweisenden Untersuchungen zur Struktur und Bedeutung der Orakelknochentexte hervor. Der Grundstein für eine neue wissenschaftliche Disziplin, »jiaguxue« (Orakelknochenstudien), war damit geschaffen.
 
 Unerwünschte Nebeneffekte der Orakelknochenpublikationen
 
Ein anderer, unerwünschter Effekt der Publikationen waren unkontrollierte Grabungskampagnen. Dong Zuobin registriert in einer seiner späteren Arbeiten neun größere Grabungen, nicht gerechnet viele heimliche Raubgrabungen, um die Nachfrage nach den plötzlich im Wert ungeheuer gestiegenen »zigutou« (beschriftete Knochenreste), wie sie die Einheimischen nannten, zu befriedigen.
 
Schon lange vor der Jahrhundertwende hatten die Ortsansässigen im Bereich des nordwestlich von Anyang gelegenen Dorfes Xiaotun bei der Feldarbeit öfter »Drachenknochen« gefunden. Die aufgelesenen, bei ihrem Verkauf schlecht bezahlten Bruchstücke fanden, wie schon dargelegt, Eingang in Heilmixturen. Einheimische Bauern durchwühlten nun nach den Veröffentlichungen Liu Es den Boden intensiver und sammelten Tausende von Orakelknochenstücken auf. Sie taten dies oft aus Not, da Dürrekatastrophen und Kriegseinwirkungen in dieser Zeit die normale und existenzsichernde Nutzung ihrer Felder verhinderten. Von reisenden Kuriositätenhändlern im Vergleich mit den Endpreisen billig aufgekauft, gelangten die Stücke vor allem auf die Antiquitätenmärkte von Peking und Schanghai, wo sich auch europäische und amerikanische Interessenten mit ihnen eindeckten.
 
James M. Menzies, ein kanadischer Missionar, der lange Zeit in Anyang Dienst tat und mit den zum Teil chaotischen Grabungsaktivitäten in Xiaotun gut vertraut war, soll der erste Ausländer gewesen sein, der sich intensiv für das archaische Schrifttum interessierte und eine umfängliche Orakelknochensammlung anlegte.
 
Welche Dimensionen das unkontrollierte Durchforsten des Bodens aufwies, mögen zwei Zahlen illustrieren. Von den ca. 160 000 heute bekannten Orakelknochenfragmenten wurden weniger als 35 000 durch wissenschaftlich betriebene Spatenforschung gewonnen, und das in einem Grabungszeitraum von 1928 bis in die Gegenwart. Mehr als 75 % der Stücke stammen also aus privaten, oft illegalen Suchaktionen. Etwa 17 000 Fragmente fanden ihren Weg nach Europa, Japan und Amerika.
 
Unter den chinesischen Gelehrten in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts gab es viele, die meinten, weitere Grabungen in den »Überbleibseln von Yin« seien überflüssig, da die Fundstellen der »Drachenknochen« und anderer Artefakte aus der Shangzeit durch die jahrelangen privaten Grabungsaktivitäten längst ausgebeutet seien. Weitere führende Wissenschaftler äußerten Vorbehalte gegen die Orakelknochen, die jedoch ganz andere Ursachen hatten: Nichtbefassung mit den Orakelknochen! Der 1936 verstorbene Zhang Binglin, nach Dong Zuobin der bedeutendste Epigraphiker seiner Zeit und Erzfeind der Orakelknochenstudien, erklärte alle Knochentexte zu späten Fälschungen. Nirgendwo, so seine Begründung, seien sie in den alten Schriftdokumenten erwähnt - eine Feststellung, die im übrigen nicht zu widerlegen war. Außerdem sei es höchst unwahrscheinlich, dass Knochenmaterial 3 000 Jahre im Boden überstehen könne, ohne zu zerfallen.
 
Trotz, aber auch wegen dieser Bedenken wurde Dong Zuobin von der neu gegründeten Academia Sinica beauftragt, im Jahre 1928 zunächst die Aussichten für erfolgreiche Grabungen in den »Überbleibseln von Yin« zu erkunden. Seine Berichte waren äußerst vielversprechend und führten zu der Entscheidung, hier eine intensive wissenschaftliche Spatenforschung zu betreiben und die Effizienz der Arbeiten durch eine Aufgabenteilung zu steigern. Dong Zuobin übernahm die Auswertung der Epigraphen (Inschriften), denen damals das Hauptaugenmerk galt. Der ab 1929 mit der Leitung des Gesamtprojekts beauftragte Li Ji, ein mit den Methoden der westlichen Archäologie vertrauter Wissenschaftler, bearbeitete alle anderen Bodenfunde.
 
Die Ausgrabungen bei Anyang, die bald auch zur Entdeckung von mehreren monumentalen Königsgräbern der Shang führten und eine große Fülle von Zeugnissen der materiellen Kultur ans Tageslicht brachten, dauern bis heute an. Sie waren nur zeitweilig während des zweiten Chinesisch-Japanischen Krieges und des Bürgerkrieges (1937-1949) unterbrochen. Fast alle der in der Volksrepublik führenden Archäologen, wie z. B. auch der schon genannte Xia Nai, erwarben hier ihre Kenntnisse für die praktische archäologische Arbeit im Gelände.
 
 Das Knochenorakel
 
Skapulamantie (Schulterblattwahrsagekunst) traf man in weiten Teilen der frühchinesischen Interaktionssphäre des 4./3. Jahrtausends v. Chr. an. Für diese Art des Orakelns benutzten die Neolithiker meist die Skapula von Rotwild, Schafen, Schweinen, Rindern und Wasserbüffeln. Diese Art der Wahrsagekunst war kein auf den chinesischen Raum oder auf älteste Zeiten begrenztes Phänomen. Berichte aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. belegen diesen Brauch z. B. auch im Yamatoreich des damaligen Japan. Attila wurde vor der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern im Jahre 451 n. Chr. vermutlich durch das Knochenorakel vor der drohenden Niederlage gewarnt, und Dschingis Khan prüfte im 12./13. Jahrhundert die Aussagen seiner Hofastrologen mit Hilfe der Hitzerissdeutung in Schafsschulterblättern. Noch im 20. Jahrhundert gab es Volkstämme vor allem in Zentralasien, bei denen die Skapulamantie gepflegt wurde.
 
Besonders intensiv hatten sich die chinesischen Könige der Bronzezeit, insbesondere die der Shangdynastie, dem Brauch verschrieben, sich von Zweifeln zu befreien und der Zukunft durch die Deutung von Hitzerissen auf die Spur zu kommen. Zusätzlich zu den bislang allein üblichen Knochen von Säugetieren führten sie als neues Medium für das Wahrsagen Schildkrötenpanzer ein. Die Plastromantie (Schildkrötenbrustpanzerwahrsagekunst) nahm damit ihren Anfang. Neu an den shangzeitlichen Praktiken war auch, dass in das Beinmaterial vorab eine Reihe von unterschiedlich geformten Vertiefungen eingeschnitten wurden. Durch diese Maßnahme traten die Hitzerisse nicht mehr beliebig über den Knochen verteilt auf, sondern nahmen aufgrund der eingetieften Vorgaben spezifische Formen an.
 
Als weitere Innovation kam hinzu, dass Berichte über den Wahrsagevorgang sowie über die Erfüllung der Vorhersage oft auf dem Knochenmaterial vermerkt wurden. Diese Texte, »jiaguwen« (Schildkrötenpanzer- und Knochen[in]schriften) genannt, sind der unwiderlegbare Beweis für das Vorhandensein eines voll ausgebildeten Schriftsystems. Die Orakelspezialisten der Shang verwendeten, anders als ihre Vorgänger, praktisch nur noch Schildkrötenpanzer und Schulterblattknochen von Rindern bei der Divination (zum Wahrsagen), und zwar etwa gleich häufig, wenn man die gesamte Anyangperiode im Blick hat. Nur bei Schriftübungen oder bestimmten rituellen, für die Ahnen bestimmten Mitteilungen (z. B. über Jagderfolge) wurden auch andere flächige Knochen (u. a. Rippen) verwendet. Seltener mussten auch Totenköpfe für Aufzeichnungen herhalten. Bevorzugt wurden diejenigen von hochrangigen Feinden, deren Gefangennahme gelungen war, wie der Fall eines nach langen Kämpfen besiegten Anführers von »Barbaren« zeigt. Seine rituelle Opferung hatte man zur bleibenden Erinnerung der Einfachheit halber auf seinem eigenen Schädel vermerkt.
 
Eine ergiebige Nachschubquelle für die Knochen waren die Rinder, die bei den zahlreichen Opferritualen getötet und oft soweit zerstückelt wurden, dass sie in die bronzenen Kultgefäße passten, die bei keiner Zeremonie fehlen durften. Das Fleisch kam meist den am Ritual Beteiligten sowie anderen Gefolgsleuten des Königs zugute, es sei denn, dass es den verblichenen Ahnen oder Gottheiten durch Verbrennen dargebracht wurde. Das benötigte Hornvieh wurde in großen königlichen Herden gehalten, deren Bestand oft aus den 115 Tribut liefernden Gegenden des Shangreiches ergänzt wurde. Seltener kamen Tiere - und dies wurde eigens vermerkt - aus Gebieten, die außerhalb des Shangstaates lagen. Die Schildkrötenschalen stammten nahezu alle von auch heute noch existierenden Süßwasserschildkröten, die es dank des wärmeren Klimas damals noch um Anyang als Wildtiere gab, die aber in größerer Zahl hauptsächlich im Süden anzutreffen waren. Von hier kam wohl auch die größte Menge der für die Divination benötigten Panzer, die in der Länge durchschnittlich etwa 30 cm und an der breitesten Stelle gut 20 cm maßen.
 
Der Fund von einigen hundert komplett erhaltenen, jedoch unbeschrifteten Panzern in einer einzigen Grube nahe bei Xiaotun könnte ein Hinweis auf eine in Ansätzen vorhandene Massentierhaltung sein. Moderne Untersuchungen nebst praktischen Versuchen haben die Frage, ob man diese Reptilien in Gefangenschaft hätte halten und züchten können, eindeutig bejaht. Allerdings kann es sich bei dem Depotfund ebenso gut um Schalen handeln, die von außerhalb in das Kultzentrum geliefert und als Vorrat angelegt worden waren. Für letztere Annahme spricht der Fund von anderen Panzern mit buchhalterischen Notizen, aus denen hervorgeht, dass bestimmte Personen bei Hof, Verwandte oder Verbündete des Shangkönigs, sie schubweise herbeigeschafft hatten. In einem derartigen Vermerk ist die Rede von einer Lieferung, durch die ein Satz von 1 000 Stück auf einmal an den Shanghof kam. Solche Kontrollnotizen fand man mit wenigen Ausnahmen nur auf Knochenmaterialien der frühen Anyangperiode, etwa bis zur Zeit von König Wu Ding, nach Sima Qians Genealogie der 22. der 30 Shangkönige. Ihr Fehlen danach deutet darauf hin, dass die Beschaffung zu einer Routineangelegenheit geworden war. Vermutlich waren bestimmte Amtsträger mit der Daueraufgabe betraut worden, den Nachschub sicherzustellen, ein Vorgang, der keiner gesonderten Aufzeichnung mehr wert war.
 
Eine von dem Orakelknochenforscher Hu Houxuan vorgenommene Auswertung der Buchhaltungsvermerke ergab, dass die damaligen Schreiber solcherart ca. 12 000 Panzer registriert haben. Dies war nur ein Teil des Knochenmaterials, das für das Orakel benötigt wurde. Folgt man dem renommierten Shangspezialisten David N. Keightley, der für die Anyangperiode einen täglichen Bedarf von etwa einem Panzer und einem Schulterblatt errechnet hat, kommt man auf 100 000 und mehr Schildkröten und 50 000 Stück Hornvieh, die zwischen dem 13. und 11. Jahrhundert v. Chr. ihr Leben allein für die Divination in der letzten Shanghauptstadt lassen mussten. Nach groben Überschlagsrechnungen verschiedener Forscher bedeutet dies andererseits, dass wir heute im Besitz von nur 3-10 % der seinerzeit in Yinxu beschrifteten Orakelknochen sind. Mit Sicherheit wurde auch in den älteren Shangkönigsstädten, die wie in der Xiadynastie mehrmals wechselten, das Knochenorakel bemüht, doch sind die Funde bisher äußerst spärlich. Nur zwei beschriftete Knochen liegen aus den Anfängen der Dynastie, der frühen Zhengzhouperiode vor.
 
 Die Bearbeitung der Knochen
 
Das für die rituelle Nutzung bestimmte Knochenmaterial musste vorab in verschiedenen Arbeitsprozessen aufbereitet werden. Die Schulterblattknochen wurden nach dem Entfernen des Fleisches und der Knorpel so zurechtgesägt und abgeschliffen, dass eine flächige und ebene Knochenplatte übrigblieb. Die Schildkrötenschalen trennte man nach dem Töten der Tiere horizontal. Dies ergab zwei Hälften, Plastron oder Bauchpanzerteil und Carapax oder Rückenpanzerteil. Durch Meißeln, Sägen, Schneiden und Schmirgeln beseitigte man weitgehend die Unebenheiten im flächigen Bereich und die Vorsprünge im Randbereich. Um eine möglichst glatte Außenfläche zu erzielen, konnte noch ein Poliergang folgen. Das Plastron war der für Divinationszwecke bevorzugte Teil, während der noch einmal in zwei Hälften aufgesägte Carapax seltener benutzt wurde.
 
Als nächstes hob man Vertiefungen aus, und zwar an den Panzerinnenseiten, die ehemals dem Körper der Schildkröte zugewandt waren. Meist waren es ineinander übergehende Einsenkungen, die eine länglich ellipsoid mit einem kerbartigen Querschnitt, die andere rechts oder links angefügt, jedoch als flächigere Mulde in Form eines Fingernagels oder Halbkreises ausgearbeitet. Als Werkzeug für diese Arbeiten benutzte man Messer, Meißel und Stichel, die meist aus Bronze oder Stein gefertigt waren. Selten griffen die Handwerker auch zu Jademessern. Soweit die Vertiefungen gebohrt wurden, verwendete man Fidelbohrer, deren rotierender Teil aus Bronze oder Stein bestand. Um die Bohrleistung zu verbessern, wurde Schmirgelsand auf und dann in die zu vertiefenden Stellen gestreut. Die Materialstärke an den ausgedünnten Knochenstellen betrug nur noch wenige Millimeter.
 
Beim Divinationsakt wurde ein an der Spitze glimmender Hartholzstab in die muldenförmige Vertiefung gepresst, genauer gesagt an die Stelle, an der beide Vertiefungen verschmolzen. Aufgrund der punktuellen Hitzeeinwirkung gab es auf der Rückseite des Orakelknochens gewöhnlich zwei feine Berstrisse, die manchmal mit einem Stichel nachgearbeitet wurden, um sie besser sichtbar zu machen. Einer der Risse verlief vertikal, in Längsrichtung der ellipsoiden Vertiefung, entlang der Basislinie der Kerbung. Der andere begann im Längsriss und suchte sich seinen Weg durch die rechts- oder linksseitige Mulde, fast beliebige Winkel mit dem Längsriss bildend. Ob es einen spitzen oder stumpfen Winkel gab, konnte in begrenztem Umfang angeblich durch die Haltung des glimmenden Hartholzstabes beeinflusst werden.
 
Das chinesische Zeichen, das auch noch im modernen Chinesisch diesen Vorgang wiedergibt, ist ein Piktogramm, das die beiden Hitzerisse abbildet. Seine Aussprache, heute »bu«, damals wohl »puk«, »pak« oder ähnlich, ist lautnachahmend an dem Berstlaut orientiert, der sich bei der Ausbildung der Risse einstellte. Die vorab angelegten, vertikal gereihten Vertiefungen für die Hitzerisse waren im allgemeinen spiegelsymmetrisch zur Mittellinie des Plastrons angeordnet. Ihre Zahl schwankte von wenigen bis über hundert pro Panzer, ohne ein bestimmtes Prinzip, vielleicht orientiert an dem jeweils gerade verfügbaren großen oder kleinen Vorrat an Knochenmaterial. Auch wurde nicht versucht, an allen Ausnehmungen Berstrisse zu erzeugen. Man erkennt diese »Verschwendung« am Fehlen der Brandspuren, welche die offene Glut des Holzstabes üblicherweise hinterließ. Möglicherweise hatte man unerwartet schnell eindeutige Risse erhalten und somit auf die Nutzung der restlichen verzichten können. Im Prinzip konnten Bauchpanzer mit zeitlichem Abstand noch einmal für einen Wahrsagevorgang benutzt werden. Anscheinend hat man aber in Zeiten eines reichlichen Plastron- und Carapaxangebots einem neuen Panzer den Vorzug gegeben und auf das Heraussuchen eines teilgenutzten, schon archivierten verzichtet.
 
Moderne Simulationsversuche zur Erzeugung von Hitzerissen verliefen trotz Verwendung zeitgenössischer Hilfsmittel (Lötkolben statt offene Glut) sehr entmutigend. Oft war das Knochenmaterial schon verkohlt, ehe es barst, und wenn es barst, dann meist nicht an den vorbereiteten Sollstellen. Auch erwies sich das Einritzen von chinesischen Zeichen, selbst mit Stahl- anstatt Bronze- oder Steinwerkzeug, als ungeheuer zeitraubend und fast nicht machbar. Wie es scheint, kannten die alten chinesischen Knochenspezialisten uns nicht überlieferte Bearbeitungsverfahren, die das Beinmaterial gefügiger machten. Dazu gehörte wohl das Enthärten der Oberfläche, vielleicht durch schwache Säuren, z. B. durch den damals bekannten Essig. Der erzielte Effekt war jedenfalls ausreichend stark, um das Einritzen der Aufschriften zu erleichtern, aber auch schwach genug, um die Knochen und ihre Texte die Jahrtausende im Boden überdauern zu lassen. Darüber hinaus erhöhte man durch eine kontrollierte Zufuhr von Hitze vermutlich die Sprödigkeit des Materials, um Berstrisse leichter am erwünschten Ort und in annehmbarer Zeit erzeugen zu können.
 
 Der Divinationsvorgang
 
Welche Aufgabe fiel nun dem sorgfältig vorbereiteten Knochenmaterial bei der Divination zu? Ein Orakelpriester, oft auch der König, brachte mündlich das Anliegen vor, über das man sich mit Hilfe des Orakels Klarheit verschaffen wollte. Dieser Vorgang wurde als »zhen« oder »ding« (das Wahrsageanliegen formulieren oder die Wahrsageanfrage vortragen) bezeichnet.
 
Die lange Jahre kontrovers geführte Diskussion, ob die Wahrsageanliegen ihrer Natur nach Fragen oder versuchsweise Feststellungen waren, kann man nach dem heutigem Forschungsstand versöhnlich beenden. Funktional betrachtet handelte es sich bei den von den Jenseitigen zu bescheidenden Anliegen um Fragen, die mit ja/nein oder günstig/ungünstig zu beantworten waren. Sprachwissenschaftlich betrachtet handelte es sich jedoch überwiegend um Feststellungen, die nur durch die Intonation, das Anheben der Stimme, als Fragen ausgewiesen waren.
 
Dieses Ergebnis lässt sich aus den schriftlichen Aufzeichnungen ableiten, die damals zu den Orakelvorgängen auf den Knochen vermerkt wurden. Mit wenigen Ausnahmen fehlen den entsprechenden Epigraphen grammatikalische Merkmale (Fragepartikel), die sie eindeutig als Fragen gekennzeichnet hätten. Eine gewisse Sonderstellung nehmen die »duizhen« (Orakelfragen in Paarform) ein, bei denen eine Aussage, einmal bestätigend und einmal verneinend formuliert, gleichberechtigt nebeneinander gestellt wurde. dass die Wahrsageanliegen funktional in der Regel als Frage zu begreifen sind, lässt eine Sentenz im »Zuo-zhuan«, einem konfuzianischen Klassiker, unter dem Jahr 598 v. Chr. erkennen: »Man bemüht das Knochenorakel, um Zweifel zu beseitigen, hat man keine Zweifel, wieso sollte man es bemühen?«
 
Die Anfragen bezogen sich auf sehr unterschiedliche Angelegenheiten, wie Art und Termine von Opfern, Wetter, Ernteaussichten, Jagdglück, Reisen, Dinge, die die Privatsphäre des Königs und seiner Gemahlinnen tangierten wie Krankheiten, Träume, Geburten und anderes mehr, etwa nach dem Muster: »Der König hat Ohrensausen, auf ihm lastet ein Fluch?« »Heute wird es regnen?« »Der König will Krieg gegen Mian führen, Di [der oberste Gott] wird ihn unterstützen?« Die Form des »duizhen« konnte lauten: »Wir bekommen eine gute Hirseernte?/Wir bekommen keine gute Hirseernte?« Eingedenk der vorherigen Ausführungen wäre es natürlich ebenso legitim, die obigen Anliegen im Deutschen als Frage zu formulieren: »Der König hat Ohrensausen, lastet auf ihm eine Fluch?«
 
Generell lässt sich feststellen, dass gegen Ende der Shangdynastie in den probeweisen Tatsachenbehauptungen der Anfragen deutlicher versucht wurde, zum Ausdruck zu bringen, welches Ergebnis man sich vom Orakel erwartete. In der Zhoudynastie (11. Jahrhundert-256/249 v. Chr.), in der die Tradition des Knochenorakels sehr lange fortlebte, entsprachen die Anfragen dann mehr oder weniger den Absichten und Wünschen der Anfragenden.
 
Nachdem das Anliegen vorgetragen worden war, erzeugte man die Hitzerisse in gleich mehreren Vertiefungen; bei Anwendung der Form des »duizhen« waren es oftmals fünf für jeden Teil der Frage. Vermutlich gestattete das Ensemble von nacheinander erzeugten Risse, das Wahrsageergebnis sofort einer Gegenkontrolle zu unterziehen. In der Regel übernahm der König persönlich die in den Knochentexten mit »zhan« beschriebene Aufgabe, die in den Fissuren sich offenbarende Mitteilung zu verkünden.
 
Bis heute wissen wir nicht, wie die Risse beschaffen sein mussten, damit sie als positiv oder negativ interpretiert wurden. Die Theorie, dass ein horizontaler Riss, der etwa im Winkel von 90º (mit einer Toleranz von plus/minus 20º) mittig auf dem vertikalen Riss auftrifft, ein »Ja« bedeutete, ist wegen vieler Gegenbeispiele nicht zu halten. Eine andere kühne Hypothese, derzufolge »gui yu« (die Stimme der Schildkröte), also der Berstlaut selbst, die Antwort aus dem Jenseits war und die Risse nur das visuelle Beiwerk, wurde ebenfalls verworfen. Zu eindeutig sind z. B. die Aussagen im »Shi-ji«, wo ausdrücklich die Form der Fissuren als das entscheidende Kriterium hervorgehoben wird, jedoch ohne jedwede Präzisierung. Man geht heute von einer Vereinbarung aus, die der Rissinterpret bei jeder Anfrage von neuem mit den überirdischen Mächten schloss, ähnlich unserem »Münzorakel«: Vor dem Hochwerfen des Geldstücks wird festgelegt, ob die obenliegende Zahl (oder der Kopf) »ja« oder »nein« bedeutet. Analog zu diesem Vorgehen wurde wohl vorab festgelegt, ob ein bestimmter Winkel der Risse als günstig oder ungünstig zu gelten hatte.
 
Archivare (»shi«) legten nach Verkündung der Orakelantwort eine Art Protokoll über den Verlauf der gesamten Zeremonie an. Dazu gehörte eine Numerierung der Risse und eine Notiz, ob sie ein eindeutiges Ergebnis gebracht hatten. Für unsere Kenntnisse über die Shangzeit ungleich wichtiger waren jedoch die detaillierten Aufzeichnungen der Divinationsinhalte, die in der Nähe der Berstrisse oder auch auf der Innenseite der Panzer und Knochen, meist mit Hilfe eines Bronzemessers, eingeritzt wurden. Bisweilen benutzte man dafür auch einen Pinsel. Wahlweise wurde rote und schwarze Tinte verwendet, erstere aus Zinnoberstaub, letztere aus kohlenstoffhaltigen Kleinstpartikeln angemischt. Eingeschnittene Zeichen wurden manchmal mit dem Pinsel vorgeschrieben und häufig durch Einreiben dunkler Farbpigmente besser lesbar gemacht.
 
Die Protokolle wiesen in ihrer ausführlichsten Form fünf Bestandteile auf: 1) das (Tages-)Datum der Orakelbefragung, 2) den Namen desjenigen, der das Wahrsageanliegen vortrug, 3) den Inhalt der Anfrage, 4) das verbalisierte Ergebnis der Risse, 5) eine Überprüfung der Prognose auf ihre Richtigkeit. Das folgende Beispiel eines derartigen Protokolls mag dies illustrieren:
 
»1) Am Tag guisi [30. Tag eines Sechzigerzyklus, mit dessen Hilfe man Datumsangaben machte] wurden Risse erzeugt.
 
2) Que [ein Ritualsachverständiger] trug das Wahrsageanliegen vor.
 
3) Wird es in den nächsten zehn Tagen Unheil geben?
 
4) Der König las die Prophezeiung in den Rissen: Es gibt Unheil, und es werden alarmierende Nachrichten kommen.
 
5) Als der Tag dingyou [5. Tag des Sechzigerzyklus] kam, gab es tatsächlich alarmierende Nachrichten aus dem Westen. Zhi Guo [ein Shanggeneral] berichtete: Die Tufang[-Bewohner] bedrängen unsere östlichen Grenzen und haben zwei Städten Schaden zugefügt. Die Gongfang[-Bewohner] haben ebenfalls einen Angriff unternommen [und zwar] auf unsere Felder an der westlichen Grenze.«
 
Keightley hat einmal in einer Überschlagsrechnung ermittelt, dass man damals etwa zwanzig Stunden für die mechanische Bearbeitung, die Risserzeugung und das Beschriften eines jeden Plastrons und einer jeden Skapula benötigt hat. Bezogen auf alle bislang gefundenen Shangorakelknochen, deren Bruchstücke er vorab grob in ganze Panzerhälften und ganze Schulterblätter umgerechnet hatte, ergaben sich mindestens drei Millionen Arbeitsstunden. Schon diese Zahl, die natürlich nur für einen Teil der tatsächlich während der gesamten Dynastie verbrauchen Orakelknochen steht, unterstreicht noch einmal ihre zentrale Bedeutung.
 
 Orakelknocheninschriften und ihre Vorläufer
 
Alle Orakelknochenepigraphiker stimmen in der Auffassung überein, dass die aufgefundenen Texte nicht nur ein unwiderlegbarer Beweis für das Vorhandensein einer chinesischen Sprache sind, sondern dass sie auch ein entwickeltes Schriftsystem darstellen. Nach bisherigen Auszählungen bedienten sich die Schreiber der Shangzeit ca. 5 000 verschiedener Zeichen, von denen bisher weniger als 2 000 entziffert werden konnten. Etwas vereinfacht gesagt stand jedes Zeichen für ein Wort, wenngleich bei Übersetzungen ins Deutsche oft mehrere Worte nötig sind, um die Bedeutung eines Zeichens wiederzugeben. Als Beispiel möge das schon vorgestellte Zeichen »zhen« (heutige Aussprache) dienen, dessen Bedeutungsfeld die Übersetzungen »das Wahrsageanliegen formulieren oder vortragen« ebenso umfasst wie »das Wahrsageanliegen lautete oder war«.
 
Wie fast alle Schriftsysteme der Menschheit hat auch das chinesische seinen Ursprung in Piktogrammen, mehr oder weniger realistischen Abbildungen von konkreten Dingen, aus denen sich dann Schriftsymbole entwickelten. Auf den Orakelknochen der Shangzeit fand man neben reinen Piktogrammen jedoch auch schon Ideogramme und sehr komplexe Zeichen. Bei Ideogrammen, der Darstellung abstrakter Begriffe, nahm man zum Beispiel die Abbildung eines Baumes und versah sie mit einem Querstrich im untersten Bereich, um den Ausdruck »Basis« darzustellen, oder die Bilder von Sonne und Mond wurden nebeneinandergestellt, um damit die Bezeichnung für »hell«, »leuchtend« zu schaffen.
 
Erstaunlicherweise verwendeten die damaligen Schreibkundigen auch schon Phonoideogramme, die aus normierten, wiederkehrenden Zeichenelementen zusammengesetzt wurden. In einem Phonoideogramm gibt der ideographische Teil des Zeichens das ungefähre Bedeutungsfeld an, während sein phonographischer Teil Anhaltspunkte für die Aussprache liefert. Diese Methode, Schriftzeichen zu erzeugen, wurde bei über 90 % der heute bekannten ca. 50 000 chinesischen Zeichen angewandt. Der Gebrauch von Phonoideogrammen in der Shangdynastie ist ein überzeugender Beleg, dass die Schrift bis zu dieser Zeit schon eine längere Entwicklung hinter sich gebracht hatte.
 
Die frühesten Formen schriftlicher Äußerungen, die Ähnlichkeiten mit den Orakelknochenzeichen aufweisen, datieren aus dem 5. Jahrtausend v. Chr. und wurden auf Scherben der Yangshaokultur gefunden. Obwohl wir die volle Bedeutung dieser frühesten Epigraphen nur sehr unzureichend kennen - kaum besser ist es um die jüngeren, ebenfalls auf Keramiken angebrachten Zeichen aus dem 4./3. Jahrtausend v. Chr. bestellt - lässt sich allgemein doch zumindest soviel sagen: Die Ritzungen reflektieren gegenständliche oder abstrakte Vorstellungen der damaligen Menschen. Chinesische Spezialisten für älteste Inschriften haben versucht, bestimmte der relativ seltenen neolithischen Einritzungen - lediglich auf ca. 0,5 % des Keramikmaterials findet man sie - als Vorgänger von späteren Zeichen zu identifizieren. Wie es scheint, gelang dies bisher im Fall einiger Zahlen, die unter fast allen Keramikinzisierungen anzutreffen waren, aber auch für Begriffe wie »Alter«, »Jade«, »Speer«, »Gras«, »Bambus«, »Hügel«, »Mensch« und einige andere.
 
Manche chinesischen Forscher vertreten die Meinung, dass es sogar schon erste komplexe Zeichen gegeben habe. So sei das in moderner Aussprache zu lesende Zeichen »re« zusammengesetzt aus »Sonne«, »Feuer« und »Berge« und stünde für »heiß« (eigentlich: die Sonne, welche die Berge in Glut taucht).
 
Die oft anzutreffende Ansicht, bei den neolithischen Ritzungen handele es sich nur um Markierungen, die Besitzverhältnisse an den Keramikgefäßen in Form von Sippenemblemen verdeutlichen halfen, könnte im Einzelfall zutreffend sein. Gegen eine Allgemeingültigkeit dieser Hypothese sprechen jedoch die identischen Zeichen, die man, wie die genannten Zahlen und andere Ideo- oder Piktogramme in mehreren, weit voneinander entfernten neolithischen Kulturen, verteilt über viele Jahrhunderte, findet. Die geographischen und chronologischen Distanzen machen übereinstimmende Sippenembleme sehr unwahrscheinlich.
 
Die neolithischen Versuche, eine Information schriftlich zu fixieren, repräsentieren das Rebusstadium der chinesischen Schrift. Ähnlich wie heutige Verkehrsschilder für eine in allen Ländern verständliche Kurzmitteilung stehen wie »Achtung«, »Parken verboten« oder ähnlich, war auch mit Hilfe der Keramikritzungen die Darstellung eines Gegenstands oder eines begrenzten Sachverhalts möglich. Diese Zeichen konnten in allen, sprachlich auch unterschiedlichen neolithischen Kulturen verstanden werden. Die Wiedergabe von Gedankengängen und anderen komplexeren menschlichen Äußerungen war jedoch hiermit nicht möglich.
 
Das Missing Link (fehlendes Glied) zum ausgebildeten Schriftsystem der chinesischen Sprache in der Shangzeit wurde noch nicht entdeckt. Die ältesten bisher gefundenen Ritzzeichen weisen auf ihre Erfindung im nördlichen Bereich der protochinesischen Interaktionsspäre hin, möglicherweise sogar zunächst unabhängig voneinander an verschiedenen Stellen. Kulturausstrahlungsprozesse sorgten bald für eine Ausbreitung der Zeichen. Nach unserem heutigen Kenntnisstand gelang es jedoch nur im Herrschaftsbereich der San-dai, das Rebusstadium der Schrift zu überwinden, vielleicht angeregt durch den Wunsch, das von den Ahnen einmal erlangte Wissen nicht dem Vergessen anheim fallen zu lassen. Keinerlei archäologische Anhaltspunkte wurden für die früher oft vertretene Theorie gefunden, die Schrift sei aus dem Westen eingeführt worden.
 
 Die Shangkönige und ihre Ahnen
 
Die Shangdynastie lässt sich, abgesehen von der Anyang- und Zhengzhouperiode, weiter durch die vollständig überlieferte Genealogie ihrer Könige untergliedern. Nach Sima Qian regierten von (Cheng) Tang, dem Gründer der Dynastie, bis Zhou Xin, dem letzten Monarchen, 30 Könige das Land. Sie fanden sich, bis auf zwei Ausnahmen, auch auf den Orakelknochen, jedoch hier nur unter ihren posthumen Namen. Auffällig bei der Auflistung der Monarchen ist der Umstand, dass in der 1. Hälfte der Dynastie der Thron meist an die (Halb-)Brüder der Könige ging. Diese Besonderheit wurde in der Anyangperiode zugunsten der bekannten Vater-Sohn-Erbfolge aufgegeben, die fortan im traditionellen China die Regel blieb.
 
Die Shangkönige waren zu ihren Lebzeiten die obersten Herren des Klans Zi, zu dem nicht nur die über das Land verstreuten Seitenlinien gehörten, sondern auch die Familienmitglieder, die nicht mehr auf der Erde weilten. Unter letzteren kam den ehemaligen Königen samt Anhang, den Oberhäuptern der Sippe aus vordynastischer Zeit und den halb mythischen Klanheroen besondere Bedeutung zu. Nach den Vorstellungen der Shang waren die verblichenen königlichen Vorfahren nach wie vor mächtige Persönlichkeiten, die ihren Einfluss nunmehr als vergöttlichte Wesen geltend machen konnten. Ahnen und lebende Mitglieder der Zi bildeten eine Gemeinschaft.
 
Weitere Mitglieder im Pantheon (Götterhimmel) der Shang, in der Hierarchie jedoch unterhalb der vergöttlichten Ahnen plaziert, waren Naturgottheiten oder Naturgeister von Flüssen, Bergen, dem Wind und den vier Himmelsrichtungen. Andere numinose Wesen, vor allem Lokalgottheiten, diverse Kulturheroen und einige hochverdiente Minister früherer Könige, ergänzten den Kreis derjenigen, die aus dem Jenseits ins Diesseits hineinwirken konnten. Viele der göttlichen Wesen, die nicht zum Ahnenkreis der Zi gehörten, verdankten ihren Platz im Pantheon populären Mythen oder lokalen Kulttraditionen. Durch ihre Aufnahme in den Kreis der offiziellen Gottheiten wurde die Integration von Bevölkerungsteilen erleichtert, die nicht zu den Zi gehörten und ursprünglich eben diesen Gottheiten und Traditionen verpflichtet waren, jedoch dann, etwa nach Eroberungen, im Shangstaat lebten.
 
Über allen Ahnen und den anderen numinosen Wesenheiten residierte ein »di« oder »shangdi«, meist mit »Gott«, »oberster Gott« oder »Gott in der Höhe« übersetzt. Zusätzlich zu vielen anderen Fähigkeiten hatte er es in der Hand, das Wetter zu gestalten. Damit war er die Schlüsselfigur für den Erfolg der Herbsternte, das zentrale und existenzielle Anliegen des Shangvolkes. Zwar billigten die Shang hierbei auch einigen Naturgottheiten und Ahnen gewisse Befugnisse zu, doch waren sie von deutlich nachgeordneter Bedeutung. »Shangdi« vereinigte in sich die höchste Machtfülle. Wie der Shangkönig auf der Erde dem Staat, stand er als Pendant im Jenseits dem Pantheon voran.
 
Die Anliegen, die bei Divinationszeremonien vorgebracht wurden, lassen sich grob in die Bereiche Naturangelegenheiten, einerseits, und Belange des Staates sowie der königlichen Familie, andererseits, unterteilen. »Gott in der Höhe« war für beide Bereiche zuständig. Wesensmäßig und kompetenzmäßig stand er den Ahnen näher als den Naturgottheiten. Erstere konnten sowohl das Klima als auch Vorgänge, an denen Menschen beteiligt waren, beeinflussen. Letztere konnten fast nur bei meteorologischen Wünschen, wie etwa der Sendung von Regen, der Verhinderung von Sturm und anderen Wetterangelegenheiten in Anspruch genommen werden.
 
Die Rangabfolge »shangdi« - Ahnen - Naturgottheiten regte zu der Interpretation an, das Pantheon der Shang spiegele eine Art Himmelsbürokratie. Mit Blick auf das kaiserliche China und seinen streng hierarchisch organisierten Verwaltungsapparat scheint dies ein bestechender Gedanke zu sein, zumal es auch unter den Ahnen eine am Senioritätsprinzip orientierte Abstufung gab. Leider fehlen jedoch in den Orakelknochentexten überzeugende Belege, dass, wie in einer Bürokratie üblich, übergeordnete Instanzen den untergeordneten, also angesehenere Ahnen ihren minderen Verwandten und den Naturgottheiten, Befehle geben konnten. Auch fehlen den Jenseitigen die eigentlich zu erwartenden Ämter und Titel, die üblicherweise Rangabfolgen so typisch verdeutlichen.
 
In anderen Untersuchungen wurden Zweifel geäußert, ob »shangdi« wirklich als oberster menschengestaltig zu denkender Gott zu verstehen sei, da ihm - und das ist sehr auffällig - nicht direkt Opfer gebracht wurden. Nach einer in diesem Zusammenhang entwickelten Hypothese war »shangdi« die Bezeichnung für ein mit den größten übernatürlichen Kräften ausgestattetes Abstraktum, dem man nicht opfern konnte. Es fällt jedoch schwer, ein der Körperlichkeit völlig entrücktes Etwas in einem Götterhimmel zu vermuten, den ansonsten Wesenheiten bevölkerten, die mit sehr konkreten Personen und Phänomenen verknüpft waren und in Wechselwirkung standen. Auch die Auffassung, »shangdi« sei ein Gattungsbegriff für »Gott« oder »die Götter«, um einzelne oder alle Mitglieder des Pantheons ohne namentliche Nennung anzusprechen, ist durch die Orakelknochentexte nicht schlüssig beweisbar.
 
Das Phänomen, dass »shangdi« nicht direkt mit Opfern bedacht wurde, hatte seine Ursache in der von den anderen Gottheiten so prägnant abgehobenen Stellung. Ähnlich wie katholische Christen die heilige Maria als Fürbitterin bemühen, wählten die Shang den Umweg über andere Götter mit einem speziellen, leider nicht näher beschriebenen Opfer (»bin«), um »Gott in der Höhe« ihre Reverenz zu erweisen. Ein gutes Verhältnis zu ihm war nötig, da er letztendlich für jegliches Wohlergehen, gute Ernten inklusive, oder den göttlichen Beistand in Schlachten verantwortlich war. Bei den meisten Anliegen erbat man sich jedoch nicht den Beistand von »shangdi«, man begnügte sich mit den anderen, ja auch sehr fähigen Gottheiten.
 
Es war das Vorrecht des amtierenden Shangkönigs, mit den Jenseitigen, vor allem den vergöttlichten Ahnen, Kontakt aufzunehmen. Um ihre Ansichten zu erkunden, bediente sich der Monarch der Orakelknochen. Die verblichenen Vorfahren äußerten sich in Form der Hitzerisse, die er allein »ex cathedra« in Worte fasste. Der Deutlichkeit halber sei hier eingeflochten, dass der Hauptzweck des Knochenorakels nicht eine umfassende Zukunftsschau war. Der König wollte meist nur Entscheidungshilfen für seine weitgehend vorstrukturierten Pläne und Absichten, erkennbar an der Formulierung der Anliegen: Sie konnten nur mit günstig oder ungünstig durch seine überirdischen Helfer beschieden werden.
 
Ergänzend, vielleicht sogar obligatorisch, konnte seit dem 22. Shangkönig auch das Schafgarbenorakel befragt werden. Hierbei wurde aus der Lage von beliebig hingeworfenen kurzen und langen Schafgarbenstengeln die Botschaft aus dem Jenseits ermittelt. Anders als im Fall der Orakelknochen sind zu diesem Vorgang keinerlei Aufzeichnungen überliefert, so dass man nicht einmal Einzelheiten des technischen Vorgehens kennt. Um sich die jenseitigen Mächte für diesseitige Wünsche gewogener zu machen, hatte der König die Möglichkeit, Bittgebete und Opfer darzubringen, die im Sinne des Prinzips von »do ut des« erfolgten (eine römische Rechtsformel für Geschäfte auf Gegenseitigkeit).
 
 Die königliche Macht: Hilfe aus dem Jenseits
 
Da der Monarch durch Divination den Willen der Ahnen ergründen und durch Ritualhandlungen auch noch beeinflussen konnte, hatte er eine einzigartige Stellung im Diesseits. Sein Handeln musste in der Regel richtig sein, da er es mit den Vorstellungen und Wünschen seiner mächtigen Ahnen in Übereinstimmung bringen konnte. Der Herrscher, dessen Eigenbezeichnung »yu yi ren« (ich, der eine Mann) war, hatte es in der Hand, Wohltaten für das Gemeinwesen »anzufordern« oder Flüche von Ahnen, die in Form von Krankheiten und Heimsuchungen auf den Menschen oder dem Land lasteten, außer Kraft zu setzen. Religion und weltliche Macht waren untrennbar verwoben, politisches Handeln des Monarchen eben dadurch legitimiert.
 
Einzelheiten, auf welche Art die Kontakte mit dem Jenseits hergestellt wurden, sind kaum bekannt. Sicher wissen wir nur, dass diese Zeremonien in den großen Tempelpalästen der Metropolen stattfanden, von denen einige exklusiv für sakrale Zwecke genutzt wurden. Ein größerer Personenkreis war für die Vorbereitung und Durchführung der Ritualhandlungen nötig, der Herkunft nach Mitglieder des herrschenden Klans der Zi und Angehörige anderer loyaler Sippen. Beim Divinationsakt gab es neben dem König die mit dem Vortragen des Orakelanliegen befassten Priester - es sind etwa 120 namentlich bekannt -, ferner die Schreiber, welche den Bescheid aus dem Jenseits, auch als Gedächtnisstütze für die Ahnen, schriftlich zu fixieren hatten, und schließlich weiteres Hilfspersonal für die praktische Abwicklung der feierlichen Zeremonie.
 
Bei Opferhandlungen muss der Kreis der Beteiligten noch wesentlich größer gewesen sein, allein schon um das, was dargebracht werden sollte, herbeizuschaffen, auf den dafür vorgesehenen Altären zu plazieren oder in die verschiedenen Bronzegefäße einzufüllen. Tiere, teilweise zerstückelt, Blut, alkoholische Getränke und rituell getötete Menschen waren in den zentralen Kultstätten bevorzugte Gaben für die Jenseitigen. 100 Schafe, 100 Schweine, 100 Hunde, 100, 300, 500 oder 1 000 Rinder, die jeweils bei einer einzigen Sakralhandlung geopfert wurden, mögen einen Eindruck vermitteln, welche Dimensionen erreicht werden konnten. Opfer brachte man dar, um Dank für erwiesene Gunst abzustatten, um Wünschen Nachdruck zu verleihen - dazu zählten die von Menschenopfern begleiteten Bitten um Regen - und um erzürnte Ahnen zu beschwichtigen. Mit Opfern stärkte man auch vorsorglich die Altvorderen im Himmel, damit ihre übernatürlichen Kräfte erhalten blieben. Es verging wohl kaum ein Tag, an dem nicht Orakel- oder Opferzeremonien abgehalten wurden, wenngleich letztere wohl seltener im oben erwähnten Umfang.
 
Ob mehr oder weniger Ritualhandlungen stattfanden, hing davon ab, ob gerade die »Altschule« oder die »Neuschule« am Zuge war. Wurde der Ritus der »Neuschule« mit ihren vereinfachten und zahlenmäßig reduzierten Zeremonien angewandt, beschränkten sich die Opfer auf die prädynastischen sowie königlichen Klanoberhäupter der Zi und ihre Gemahlinnen. Kulturheroen und Naturgottheiten blieben ausgespart. Kontakte mit den Ahnen wurden nur an genau festgelegten Tagen aufgenommen; es gab keine Spontankommunikation. Die Bandbreite der Orakelanliegen wurde im wesentlichen auf Themen wie Rituale, Schlachten, Jagd, Reisen, Opfer, Handlungen des Königs und Wohlergehen in der folgenden Woche eingeengt. Die »Altschule« trachtete demgegenüber auch nach Entscheidungshilfen bei kleineren Missgeschicken, Sonnen- und Mondfinsternissen, Geburten, Träumen, Todesfällen, gutem und schlechtem Wetter oder wenn es um die Frage ging, ob Ahnen über bestimmte Dinge besonders informiert werden sollten.
 
Geht man von Beschreibungen aus der Zhouzeit (11. Jahrhundert-256/249 v. Chr.) aus, so war es bei Zeremonien, die eine Kontaktaufnahme mit dem Jenseits, insbesondere mit den Ahnen, zum Ziel hatten, nötig, zunächst eine kommunikationsgünstige Atmosphäre oder Stimmung unter den im Diesseits Beteiligten zu erzeugen. Dies brachte man vor allem durch Tanz, Musik, Gesang und alkoholische Getränke zuwege, mithin durch Praktiken, wie sie allgemein von Schamanen bekannt sind; in China wurden dieser Personenkreis »wu« genannt. Viele Kenner der Shangzeit sehen in den damaligen Königen gleichzeitig auch die obersten Schamanen des Reiches. Als »wu« konnten sie in ihrer Einbildungskraft zeitweilig in die Gefilde der verblichenen Vorfahren zwecks Beratung aufsteigen. Die Ahnen konnten sich ihrer aber auch bedienen, um die aus den Hitzerissen gedeuteten Botschaften durch ihren Mund korrekt in Worte umsetzen zu lassen.
 
Abgesehen vom Ritualpersonal, das für diese übersinnlichen Vorgänge die materiellen Voraussetzungen schuf und nicht näher bekannte zeremonielle Hilfsleistungen erbrachte, gab es zusätzlich zahlreiche tierische Helfer, die als Boten oder Gefährte der »wu« fungierten. Sie sind, teils in Begleitung von Menschen, auf den bei allen Zeremonien unerlässlichen Sakralbronzen der Shang- und Zhouzeit zu sehen. Oft haben aber auch die Gefäße selbst die Form einer Tierplastik. Es ist eine bunte Palette, die von Elefanten, Raubtieren und Rindern bis hin zu Fischen und Vögeln reicht. Vertreten sind jedoch auch mythische Tiere wie verschiedene Drachenarten oder das »taotie«, das im Einklang mit Beschreibungen aus dem 5./4. Jahrhundert v. Chr. gewöhnlich als Vielfraß interpretiert wird. Seinen Namen erhielt es von Altertumsforschern der Songzeit (960-1279), die im übrigen auch die meisten der heute noch üblichen Bezeichnungen für die vielen und so verschiedenen alten chinesischen Bronzegefäße prägten. Das dem »taotie« nachgesagte Verschlingen von Menschen und sein geöffnetes Maul symbolisieren wahrscheinlich den Übergang in eine jenseitige Welt, eine Deutung, die man für vergleichbare Ungeheuer ausführlich und differenziert dargestellt auch in anderen Kulturen antrifft. Allgemein waren die Gefäßdekorationen und die Gestaltung der Gefäße in der Sprache der Ahnen abgefasst, damit die Kontakte leichter anzubahnen waren, die Opfer von den Begünstigten eher angenommen werden konnten.
 
Zweifellos war der Shangkönig die Zentralfigur bei allen kultischen Aktivitäten, doch dürfte er einen Teil davon an Vertraute seiner näheren Umgebung delegiert haben. Diese Annahme drängt sich allein schon durch die zahlreichen Unternehmungen der Monarchen im Lande auf, weitab von ihren Palästen. So sah Zhou Xin, der letzte Shangherrscher, wegen eines Feldzuges gegen »Barbaren« im Osten etwa 300 Tage seine Hauptstadt nicht. Es ist auszuschließen, dass in dieser Zeit jegliche Ritualhandlungen in Yin (Anyang) unterblieben.
 
 Die königliche Macht: Stützen im Diesseits
 
Auf die Person des Königs mit seinem monopolisierten Zugang zum Wissen seiner Vorfahren war auch alle weltliche Macht konzentriert. Alle politischen Vorgänge und Entscheidungen wurden von ihm als persönliche Angelegenheiten behandelt. Der berühmte Ausspruch »L'État c'est moi« (»Der Staat bin ich«) traf auf ihn sicherlich noch wesentlich besser zu als auf den französichen König Ludwig XIV., den Vollender des Absolutismus, der ihn prägte. Die Amtsträger, die dem Shangkönig bei der Bewältigung verschiedener Administrationssaufgaben, bei der Absicherung wirtschaftlicher Belange, bei der Durchführung öffentlicher Arbeiten oder Kriegszüge behilflich waren, wurden von ihm persönlich ernannt. Auf den Orakelknochen sind etwa 20 Amts- und Funktionstitel erwähnt. Überwiegend stammten die politisch Verantwortlichen aus der Sippe der Zi samt ihren Seitenlinien, doch kamen auch andere Aristokraten zum Zug. Unter diesen dominierten solche aus der Oberschicht fremder Gemeinwesen, die sich freiwillig den Shang angeschlossen hatten oder die durch Heirat eine enge Bindung eingegangen waren. Ähnlich wie der König seinen Lebensunterhalt hauptsächlich aus den »wo tian« (unseren Feldern, das heißt der königlichen Domäne) bestritt, taten dies alle Amtsträger bei Hof aus von ihnen bewirtschafteten Ländereien, die in der Regel auch nicht allzu weit vom Hauptstadtkomplex entfernt lagen.
 
Zum inneren Führungszirkel konnten auch die Gemahlinnen der Könige zählen, wie die bekannte Fu Hao, Frau des zu Beginn der Anyangperiode regierenden Königs Wu Ding. Sie wurde von ihrem Gatten nicht nur zur Priesterin für Weinopfer zugunsten der Ahnenmütter sowie für Tieropfer an bestimmte Gottheiten ernannt, sondern machte sich auch einen Namen als Feldherrin. An der Spitze von Heerbannen - die Orakelknochen berichten in einem Fall von 13 000 von ihr geführten Soldaten - leitete die wohl erfolgreichste Shanggeneralin nach und nach zahlreiche, anscheinend sogar meist siegreiche defensive und offensive Militäreinsätze gegen Stadtstaaten und »Barbaren« an der Peripherie des Einflussgebietes der Shang.
 
Die ca. 1 000 Namen von Städten, die in den Knochenepigraphen entdeckt wurden, weisen auf eine Grundstruktur des Shangstaates hin. Innerhalb der »si tu« (vier Lande), das heißt dem von der Metropole in die vier Himmelsrichtungen sich erstreckenden Land, umgeben von »fang« (Grenzterritorien) mit mehr oder minder freundlich gesinnten Nachbarn, lagen Tausende von meist wallumwehrten Städten, unterteilt in »yi« (Städte) und »dayi« (große Städte). In ihrer Mehrzahl hatten sie nur wenige Gemeinsamkeiten mit den acht aufeinanderfolgenden vergleichsweise hoch entwickelten Metropolen der Shang, die ihrerseits untereinander auch markante Unterschiede aufwiesen.
 
So hatte einer der ältesten, bei Zhengzhou (die Provinzmetropole des heutigen Henan) gefundenen Hauptstadtkomplexe der Shang eine gewaltige Wallanlage in Pisébauweise, welche vor allem die Tempel und Wohnpaläste der Oberschicht schützte. Um diesen Kern gruppierten sich ausgedehnte Vororte mit Handwerksbetrieben, Speichern und Wohnhäusern.Wegen der großräumigen funktionalen Einbeziehung des Umlandes könnte man auch von einem Hauptstadtareal sprechen. Die gleiche Besonderheit, allerdings noch großzügiger dimensioniert, wies auch die letzte Shanghauptstadt bei Anyang (ebenfalls im heutigen Henan) auf. Sie hatte jedoch, wie schon erwähnt, keinerlei Verteidigungswälle um ihr sakrales und politisches Zentrum, sondern suchte statt dessen Schutz hinter einem breiten künstlichen Wassergraben und einem Bogen des Flusses Huan. Dessen Bollwerk wurde gleichzeitig als Versorgungsader genutzt.
 
In diesem Zusammenhang sei noch angemerkt, dass die bisherigen Auswertungen der Knocheninschriften keine Hinweise auf die Namen und die genaue Lage der verschiedenen Shangmetropolen geliefert haben; die einzige Ausnahme ist Bo, die erste dynastische Hauptstadt. In der Regel wurden die diversen Metropolen nur mit globalen Bezeichnungen belegt : »dayi Shang« (die große Stadt Shang), »tianyi Shang« (die Himmelsstadt Shang), »ci yi « (diese Stadt) und »zhong Shang« (das zentrale Shang). Alle auf historischen Karten eingezeichneten unterschiedlichen Namen beruhen, Bo ausgenommen, auf Zuordnungen durch Quellen nachfolgender Dynastien.
 
Zu den Unterschieden, die zwischen den Hauptstadtkomplexen und den üblichen Städten und Stadtstaaten bestanden, gehörte sicherlich zunächst die wesentlich geringere Bevölkerungszahl und eine bescheidenere Architektur in letzteren. Viele der Siedlungen befanden sich noch auf einem neolithischen Niveau, so dass man den Shangstaat insgesamt als ein Gemeinwesen mit recht ausgeprägten regionalen und lokalen Ungleichgewichtigkeiten ansehen kann. Eine Gemeinsamkeit zwischen den Metropolen und den meisten Städten ergab sich durch die jeweilige aristokratische Führung. Die lokalen Machthaber waren überwiegend durch den König eingesetzte Blutsverwandte aus dem Klan der Zi oder vom König legitimierte Führer aus anderen loyalen Sippen, die als Gegenleistung ihrem Monarchen zu verschiedenen Diensten verpflichtet waren. Sie halfen ihm bei großen hauptstädtischen Bauprojekten, bei der Anlage von Straßen sowie bei bewaffneten Konflikten; sie versorgten den Hof mit bestimmten Naturalien und standen bereit, ihn und sein aristokratisches Gefolge anlässlich oftmals stattfindender Besuchsreisen und zahlloser Jagdunternehmen zu bewirten und zu beherbergen.
 
In diesem Verhältnis zwischen dem König und seinen örtlichen Gefolgsleuten sehen etliche Forscher die Wurzeln für den unter der Zhoudynastie (11. Jahrhundert -256/249 v. Chr.) zur Reife gelangenden Lehensfeudalismus. Gestützt wird eine solche Annahme auch durch die von den lokalen Potentaten geführten Titel wie »bo« und »hou«, welche später gleichbedeutend waren mit Graf und Fürst.
 
 Jagden und Besuche
 
Die Jagden, in der Regel Treibjagden, bei denen Pfeil und Bogen, Fangnetze und Fallgruben benutzt wurden, endeten mit zum Teil recht beeindruckenden Strecken - in einem Fall werden 348 Stück Rotwild als Tagesergebnis genannt. Dank des damals wärmeren Klima wurde auch Elefanten, Tigern, Tapiren und Rhinozerossen erfolgreich nachgestellt. Jagden konnten überall im Shangstaat stattfinden, doch bevorzugte man natürlich wildreiche Gebiete, von denen sich einige östlich von Anyang befanden.
 
Die Jagden, auf die sehr viel Zeit verwendet wurde, und die immer wieder unternommenen Reisen dienten sicherlich auch dem Vergnügen und der Zerstreuung der beteiligten Adligen. Ihr Hauptzweck war jedoch die politische Kontaktpflege und Festigung der königlichen Herrschaft. Die staatliche Macht reiste mit dem Monarchen und seinem Gefolge. Mit von der Partie waren stets die unverzichtbaren Ritualspezialisten, die unterwegs den Kontakt zum Jenseits durch das Knochenorakel, aber auch durch Opfer an lokale Gottheiten sichern halfen. Durch entsprechende Funde wissen wir, dass die zur Divination benutzten Schildkrötenpanzer im Tross des Zuges mitgeführt und nach Rückkunft in der Metropole dort archiviert wurden.
 
Aristokratische Reisegesellschaften der genannten Art bewegten sich mit dem damals aufbietbaren äußerlichen Pomp durch das Land und wurden von einer militärischen Begleitung geschützt. Ihr Erscheinen signalisierte kulturelle und kultische Überlegenheit, erstere begründet in der Beherrschung der Schrift, letztere garantiert durch den Beistand der Ahnen. Mit Sicherheit verfehlten derartige Demonstrationen nicht die erwünschte Wirkung auf die lokalen Führungseliten. Sie werden des öfteren nachlassende Loyalitätsgefühle wieder gestärkt haben. Anlässlich der Besuche wurde vermutlich auch ein Teil der Abgaben abgeholt, die dem König zustanden.
 
Über die fast routinemäßigen Besuche im »Inland« hinaus gab es im Abstand mehrerer Jahre große Exkursionen, auf den Orakelknochen »de fang« genannt. Nach den Untersuchungen Li Huans handelte es sich hierbei um Reisen des Monarchen in die Randgebiete seines Einflussbereiches und darüber hinaus. Sie hatten das Ziel, in den Grenzterritorien, von denen über 30 auf den Orakelknochen namentlich erwähnt werden, nach dem Rechten zu sehen. Viele »fang« - alle waren kein integraler Bestandteil des Shangreiches, sondern »Ausland« - bildeten die Kernräume von Teilstaaten, die erst unter der folgenden Zhoudynastie dem Reich einverleibt wurden.
 
An den »de fang« nahmen immer umfangreiche Heereskontingente teil. Die Soldaten wurden mit den Spitzenprodukten der damaligen Rüstkammern ausgestattet: etwa 20 cm hohe und etwa 2-3 kg schwere Schutzhelme aus Bronze, Schuppenpanzer aus Leder und verschiedenartige Bronzewaffen, wie die shangzeitliche Standardwaffe »ge« (Stangendolchaxt, das war ein spezieller Dolch, der wie eine Axtklinge an einer Stange befestigt war), »mao« (Holzlanzen mit Bronzespitzen), »yue« (schwere Streitäxte mit konvexer Schneide) und »dadao« (Kurzschwerter). Ferner bekamen sie Kompositbögen und Lederköcher, die mit Bronzespitzen bewehrte Pfeile enthielten. Die Defensivausrüstung wurde durch die meist etwa rechteckigen, ca. 80-90 cm hohen Holzschilde ergänzt. Sie waren lederbespannt und mit bunten Darstellungen von furchteinflößenden Tierköpfen oder Menschenfratzen versehen.
 
Ganz offensichtlich sollten die Stärke und Überlegenheit ausstrahlenden Exkursionen den nicht zum Shangstaat gehörigen Nachbarn Respekt einflössen. Klar festgelegte Grenzziehungen im heutigen Sinne existierten noch nicht, doch muss es zumindest auf Seiten der Shang gewisse Vorstellungen über territoriale Besitz- oder Zugehörigkeitsverhältnisse gegeben haben. Die Knochentexte beklagen feindliche Übergriffe auf »bi« (Außenbezirke oder Grenzbereiche), die eindeutig als eigenes Land betrachtet wurden. »Die Tufang[-Bewohner] bedrängen uns in unseren westlichen Grenzbereichen und haben zwei Siedlungen Schaden zugefügt«, wie es einmal heißt. Die auf ihre Außenwirkung hin angelegten pompösen Ausflüge in das ganze Land und an die Peripherie kann man als Vorläufer der rituellen Reisen von Kaisern späterer Zeiten betrachten. Qin Shi Huangdi (221-210 v. Chr.), der erste Kaiser Chinas, unternahm sie ebenso wie viele seiner Nachfolger bis hin zur Qingdynastie (1644-1911/12), um so ihre globalen Herrschaftsansprüche über »tianxia« (das, was unter dem Himmel ist) zu verdeutlichen.
 
Bloße Zurschaustellung königlicher Macht und Herrlichkeit reichte natürlich nicht aus, um die weltliche Herrschaft der Shangmonarchen abzusichern. Unabdingbar war die Verfügungsgewalt über die wirtschaftlichen Ressourcen sowie über das Militär. Letzteres diente nicht nur dem Erhalt, sondern durch Eroberungskriege auch der Erweiterung der Macht. Bei wankelmütigen oder aufmüpfigen Mitgliedern des Shangstaates schaute der König mit Gewalt nach dem Rechten (»de fa«). Annexionen erschienen auf den Knochenepigraphen oft in der euphemistischen Form »Wir erhielten das Grenzterritorium Tu«.
 
 Landwirtschaft und Nahrung
 
Ökonomisch stützten sich die Monarchen in erster Linie auf ihre Domänen, die in der Nähe der jeweiligen Hauptstädte lagen. Ihre für die Bewirtschaftung des Bodens wichtigsten Helfer waren die »zhong« oder »zhongren« (die Vielzahl der Menschen), eine Sammelbezeichnung für Leibeigene, die an Grund und Boden gebunden waren. Ihrer Funktion nach lassen sie sich als Arbeitskräfte und Bedienstete beschreiben, die für alle vom König befohlenen Unternehmen jederzeit verfügbar sein mussten. »Zhongren« gab es natürlich auch außerhalb der Königsdomäne, in den Städten und den kleinen Stadtstaaten, die dem Monarchen verpflichtet waren. Hier dienten sie üblicherweise den lokalen Machthabern, doch konnten sie, wenn nötig, auch vom König und seinen Beauftragten beansprucht werden.
 
Vertreter des historischen Materialismus sehen in »zhongren« die Sklaven, die sie für ihr angeblich allgemeingültiges Entwicklungsschema »Urgesellschaft - Sklaverei - Feudalismus - Kapitalismus - Sozialismus« benötigen. Die kühne Gleichsetzung von »zhongren« mit Sklaven überzeugt aus verschiedenen Gründen nicht. Einer von ihnen ist die Rede König Pan Gengs, die er anlässlich der von ihm befohlenen letzten Verlegung der Hauptstadt nach Yin (bei Anyang) hielt. In seinen Darlegungen wandte er sich ausdrücklich an die »Vielzahl der Menschen« und beschwor sie flehentlich, ihn bei seinem Vorhaben zu unterstützen. Mit Sklaven hätte man, wenn überhaupt, so sicherlich nicht gesprochen. Ein die Produktionsverhältnisse bestimmendes Sklavenhalterstadium im marxistisch-leninistischen Sinn konnte im übrigen für das gesamte alte China bisher nie bewiesen werden. Das heißt jedoch nicht, dass es nicht etliche versklavte Kriegsgefangene oder Kriminelle gegeben hätte, die auch die Reihen der »zhongren« verstärkten.
 
»Die Vielzahl der Menschen« bestellte auf den Königsdomänen unter Führung verschiedener Amtsträger, unter denen der »ji chen« (Minister für das Pflügen) der wohl wichtigste war, die Felder. Ein generelles Merkmal der damaligen Landwirtschaft war die kollektive Bearbeitung des Bodens, die in Orakelknochentexten angedeutet, in späteren Quellen ausdrücklich verbürgt ist. Die in der Regel primitiven Gerätschaften aus Holz, Stein oder Knochenmaterial, die man bei Bedarf ausgab, wurden üblicherweise zentral aufbewahrt.
 
Man kultivierte vor allem verschiedene Hirsearten, das wichtigste Grundnahrungsmittel Nordchinas seit etwa dem 5. Jahrtausend v. Chr., sowie, nach neuen chinesischen Untersuchungen, auch Soyabohnen. Gerste und Weizen wurden in weit geringerem Umfang angebaut, ebenso wie eine sehr genügsame Reissorte, die im damals noch wärmeren Klima des Nordens gedeihen konnte. Die relativ kleinen Erntemengen der zuletzt genannten Getreidearten reichten vermutlich gerade, um ein wenig Abwechslung in den Speisezettel der Aristokratie zu bringen, wenn sie nicht gar überwiegend, wie im Fall von Reis, für Opferzwecke benutzt wurden. Die Nahrung der »zhongren« bestand wohl fast nur aus Hirse und Wildkräutern, selten dürften Geflügel, Haustiere, Wild, Fisch oder das Fleisch von Opfertieren, wie beim Adel üblich, für Abwechslung gesorgt haben.
 
Dass die Herrschenden damals schon eine gute Küche zu schätzen wussten, zeigt die Karriere Yi Yins. Tang, der Begründer der Shangdynastie, war auf ihn wegen seiner überragenden Kochkünste aufmerksam geworden. Vermutlich hatte Yi Yin über das damals schon bekannte Kochen, Dünsten, Rösten und Braten von Speisen hinaus besondere kulinarische Raffinessen anzubieten. Er wurde jedenfalls zum Minister ernannt und war als Politiker dann so erfolgreich, dass er zum vergöttlichten Pantheonbewohner aufstieg.
 
 Gewinnung und Verarbeitung der Bronze
 
Die kostbare Bronze, die in der Shangzeit zu ca. 80- 90 % aus Kupfer und 10- 20 % aus Zinn (einschließlich kleinerer Verunreinigungen) bestand, war für Sakralgegenstände und Waffen reserviert. Dies stand ganz im Einklang mit einer im »Zuo-zhuan« formulierten Gnome (Sinnspruch): »Die Hauptangelegenheiten des Staates sind Kulthandlungen und Kriegführen«. Wir wissen heute, dass die in den Kupfer- und Zinnminen gebrochenen Erze an Ort und Stelle zu Halbzeug verarbeitet wurden. Mit Hilfe von holzkohlebefeuerten, etwa 1-1,5 m hohen Schmelzöfen, die zur Temperaturerhöhung mit einer künstlichen Luftzufuhr versehen waren, wurden Rohbarren gegossen. Diese waren bequem mit Trägerkolonnen, Lastkarren oder per Schiff in die Bestimmungsorte zu befördern.
 
Da in den Bronzebetrieben, insbesondere denen der Hauptstadtareale bei Zhengzhou und Anyang, bisher nie Schlackenrückstände gefunden worden sind, wie sie zwangsläufig bei der Verhüttung von Erzen anfallen, können wir schließen, dass hier in der Regel nur die Weiterverarbeitung der Rohbarren erfolgte. Die Mengen, die benötigt wurden, waren immens. Allein im 1976 freigelegten Grab der schon vorgestellten Fu Hao, eine kleine Anlage im Vergleich mit den anderen aristokratischen Gräbern bei Anyang, wurden 468 bronzene Artefakte geborgen, deren Gewicht mit 1,6 t veranschlagt wurde. Bedauerlicherweise waren alle anderen bisher geöffneten Monumentalgräber der Shang in der Nähe von Yinxu ausgeraubt, doch wird man vermuten dürfen, dass in ihnen ursprünglich wesentlich mehr Bronzegegenstände als in Fu Haos letzter Ruhestätte deponiert worden waren. Als vager Anhaltspunkt bezüglich der verarbeiteten Bronzemengen könnte ein nicht geplündertes Fürstengrab des kleinen Lehensstaats Zeng aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. dienen, für dessen Ausstattung über 10 t der Metallegierung aufgewendet worden waren.
 
Erzminen aus der Shangzeit wurden bisher nicht entdeckt, was darauf schließen lässt, dass sie meist anscheinend schon nach wenigen Jahren völlig ausgebeutet waren. Die seit der frühen Zhouzeit bei Daqing (Provinz Liaoning) und bei Daye (Provinz Hubei) betriebenen Kupferminen vermitteln jedoch eine Vorstellung von den unterschiedlichen Dimensionen und Ergiebigkeiten, die alte Erzgruben in China haben konnten. Bei Daqing baute man Erze in 7-17 m Tiefe ab, aus denen ca. 1 000 t Kupfer erschmolzen wurden, ehe die Grube aufgegeben wurde. Bei Daye wurden Zehntausende von Tonnen Kupfererz in Stollen, etwa 50 m unter Tage, gebrochen. Man rechnet grob, dass man zur Gewinnung von 1 kg Kupfer etwa die drei- bis fünffache Menge an Kupfererz, in der Shang- und Zhouzeit in der Regel Malachit, benötigte.
 
Vermutlich wurde damals an recht vielen Stellen gleichzeitig geschürft, bevorzugt aber wohl an Orten, die noch in annehmbarer Entfernung von den städtischen Verarbeitungszentren lagen. Der 645 v. Chr. gestorbene Philosoph und Staatsmann Guan Zhong lieferte uns durch Angaben für seine Zeit einen Anhaltspunkt für die Zahl solcher Gruben: »An Bergen, die Kupfer liefern, gibt es 467. ..«. Eines unter mehreren möglichen Motiven für die shangzeitlichen Metropolenverlegungen könnte gewesen sein, dass die Kupfer- und Zinnminen in der Nähe der Hauptstadtareale erschöpft waren. Da aber Bronze in der Lebenswelt der damaligen Oberschicht eine außergewöhnliche Bedeutung besaß und im Grunde unverzichtbar war, könnten die zu lang werdenden Anlieferungswege der Barren zu Land und zu Wasser als nicht mehr hinnehmbare Beeinträchtigung angesehen worden sein.
 
Bronzegefäße waren immer auch, abgesehen von ihrer Bedeutung für Rituale und als Grabbeigaben, Symbole für Macht und Reichtum. Das »Zuo-zhuan« bemerkt dazu unter dem Jahr 554 v. Chr.: »Wenn Mächtige Schwache geschlagen haben, dann verwenden sie ihre Beute, um daraus Ritualgefäße [aus Bronze] herzustellen; sie bringen in ihnen Inschriften mit ihren verdienstvollen Taten an und zeigen sie ihren Nachkommen. Dadurch wird strahlende Tugendhaftigkeit vermittelt.«
 
»Zhongren« hatten wie in der Landwirtschaft auch die harten Arbeiten bei der Bronzeherstellung zu übernehmen. Die Zahl der Menschen, die am Abbau, an der Verhüttung und dem Transport der Kupfer- und Zinnrohstoffe bzw. -barren beteiligt war, war ungleich größer als die der Spezialisten, die mit dem eigentlichen Bronzeguss befasst waren. Letztere gehörten zu den »duogong« (die vielen Handwerker), die in der nachfolgenden Zhoudynastie in »baigong« (die hundert Handwerker) umbenannt wurden. Beide Begriffe sind eine Sammelbezeichnung für die damalige Handwerkerschaft, eine Elite, die über das gesamte praktische Wissen ihrer Zeit verfügte. In der shangzeitlichen, durch Geburt bestimmten Sozialhierarchie standen sie gleichwohl weit unter der adeligen Führungsschicht. Die vielleicht wenige tausend Köpfe zählenden »duogong« waren in verschiedene Berufsgruppen unterteilt und führten die Aufsicht über ein Heer von Hilfskräften.
 
Die »vielen Handwerker«, die ausschließlich für die Aristokratie arbeiteten, lebten in der Nähe ihrer Arbeitsstätten, meist am Rande der jeweiligen Metropolen, aber auch manch anderer großer Städte. Wie die Aristokraten bewohnten sie bisweilen Häuser mit Piséfundamenten. Dadurch hoben sich von der »Vielzahl der Menschen« ab, die in der Regel noch immer in Hütten lebten, die gemäß neolithischer Tradition leicht in den Boden eingetieft waren. Die »duogong« könnten schon erbliche Handwerkerfamilien gewesen sein, in denen die jeweiligen Berufserfahrungen und Fertigungskenntnisse vom Vater an die Söhne weitergereicht wurden.
 
Der Bronzeguss
 
In ausgedehnten Werkstattkomplexen mit hundert und mehr Mitarbeitern wurden die Bronzegegenstände in mehreren Arbeitsgängen produziert. Stets musste ein genügender Vorrat an Holzkohle bei den Schmelztiegeln vorhanden sein, um das angelieferte Kupfer- und Zinnhalbzeug im richtigen Verhältnis verflüssigen zu können. Voraussetzung für den Guss aller Gegenstände war ferner die Anfertigung von Formen, in die man die flüssige Metallegierung einfüllen konnte. Als eine frühe, bald kaum noch genutzte Möglichkeit gab es die Herstellung von Modeln aus Stein. Das Material widersetzte sich jedoch einer zügigen und konturengenauen Bearbeitung und neigte auch wegen der hohen Temperaturen zu Berstrissen. Diese Nachteile entfielen in der Regel bei der Verwendung von Ton oder Keramik.
 
Seit Ende der Xia- oder Beginn der Shangzeit wurde die für China typische Teilformtechnik angewendet. Wollte man ein Gefäß gießen, wurde ein äußerer Keramikmantel geschaffen, in dessen Innenseite das erwünschte Dekor des fertigen Stücks als versenktes Relief eingelassen war. Im Abstand der Gefäßdicke umgab der Keramikmantel einen Keramikkern, dessen Form dem Innenraum des fertigen Bronzegefäßes entsprach. Der Keramikmantel bestand aus drei oder mehr präzise zusammensetzbaren Teilformstücken mit Passzapfen. Vor dem Guss wurden sie unter Verwendung von bronzenen Abstandshaltern zum Kern hin sowie möglichst lückenlos gegeneinander mit Hilfe der Passzapfen ausgerichtet, fest zusammengeschnürt und mit einem Außenputz aus Tonschlicker versehen. Frei blieben nur die Einfüllöffnungen für die Schmelze und sowie die Känale für die verdrängte Luft. Der fertige Korpus erhielt seinen letzten Schliff, bei dem man die unvermeidlichen Gussnähte einebnen konnte, nötigenfalls Details im Dekor nacharbeitete und auf die Oberfläche des öfteren einen matten Glanz polierte.
 
Die anders als beim verlorenen Formguss wiederverwendbaren Teilformstücke hätte man für die serienmäßige Herstellung gleicher Produkte nutzen können, doch wurden dafür noch keine archäologischen Belege aus der Shangzeit gefunden. Vermutlich waren die zusammengesetzten Formen bei einem misslungenen Guss hochwillkommen, um das geplante Stück doch noch realisieren zu können. Dem technischen Geschick der Bronzegießer und den künstlerischen Visionen der Töpfer, die beide auf ihre Art mit einer unglaublichen Präzision arbeiteten, verdanken wir eine der großartigsten Gattungen der chinesischen Kunst.
 
Abgesehen von Sakralgegenständen wurden in großen Mengen Waffen gegossen. Meist waren es die Klingen für die Stangendolchäxte sowie Pfeil- und Lanzenspitzen. Vielfachgussformen traf man hier häufiger an, durch die man zum Beispiel fünf oder sieben Pfeilspitzen in einem einzigen Arbeitsgang produzierte. Bronzene Formhalter für Bögen sowie Endaufsätze, Beschläge und aufwendig gestaltete Achssplinte für Streitwagen, alle jedoch in relativ kleinen Quantitäten, gehörten ebenfalls zu den Rüstungsgütern.
 
Das große handwerkliche Können der shangzeitlichen Metallgießer verdeutlicht auch ein riesiges vierfüßiges »ding« (Ritualgefäß zum Kochen von Speisen). Mit 1,33 m Höhe, einer Länge von 1,1 m, einer Breite von 0,78 m, einer Wandungsdicke von 6 cm und einem Gewicht von 875 kg ist es das monumentalste der bisher gefundenen bronzenen Artefakte. Allein das Bereithalten von soviel flüssigem Metall, das sehr schnell eingefüllt werden musste, um ein vorzeitiges Erstarren zu vermeiden, war eine Meisterleistung an Koordination und technischem Know-how. Das etwa in das 13./12. Jahrhundert v. Chr. zu datierende, unter Verwendung von zwanzig Teilformen gegossene »ding«, wegen seiner Dimensionen scherzhaft auch »macao« (Pferdefuttertrog) genannt, wurde unter seiner eingegossenen Inschrift »Si mu Wu« (Opfergabe für Mutter Wu) bekannt.
 
 Die Handwerksbetriebe
 
Als den Bronzehandwerkern und ihrem Hilfspersonal zuarbeitende Betriebe waren bereits die Töpfereien genannt worden, welche die Aristokraten mit hochwertigen Keramiken versorgten. Am berühmtesten wurde die von ihnen gefertigte weiße Keramik mit eingeprägten geometrischen Mustern. Die hierfür verarbeitete sehr feine kaolinische Tonerde wurde bei etwa 1 000º gebrannt und ergab einen harten Scherben, der auch glasiert wurde. Diese Eigenschaften und ihre geringe porositätsbedingte Wasserabsorption brachten den Gefäßen und Gegenständen den Ruf von Protoporzellan ein.
 
Andere Handwerksbetriebe stellten große Stückzahlen von Steinwerkzeug her. Hack- und Schneidemesser, in rechteckiger Form oder geschwungen, fertigte man überwiegend aus Basalt und besonders hartem Kalkstein an, während die größeren einschneidigen Erntemesser sowie die Sicheln oft aus Schiefer waren. Der Fund Tausender von Steinmessern und Sicheln in einzelnen Gruben lässt zwei Interpretationen zu. Es kann sich um Lager der Handwerksbetriebe für fertige Produkte gehandelt haben, oder es waren Bodenspeicher für die oben angesprochene zentrale Aufbewahrung von landwirtschaftlichem Gerät.
 
Die steinverarbeitenden Betriebe produzierten über die Gebrauchsgegenstände hinaus auch künstlerisch anspruchsvolle Schmuck- und Ritualobjekte aus Marmor und Jade, deren Oberflächen oft ein filigranes Reliefdekor aufwiesen. Die reichen und hochklassigen Grabfunde aus diesen Materialien belegen, dass die kunsthandwerklich orientierten Stein- und Jadewerker mit ihrer langen Tradition wegen der rivalisierenden Bronze keineswegs in Vergessenheit geraten waren. Im Gegenteil, sie überraschten ihre aristokratischen Abnehmer mit immer neuen Kreationen, in die jetzt oft ein oder zwei chinesische Zeichen eingeritzt waren, um die Besitzverhältnisse zu dokumentieren.
 
Kunsthandwerkliche Artikel produzierten auch die Werkstätten für die Verarbeitung von organischen Materialien. Aus den Knochen, die durch die Opferzeremonien zuhauf anfielen, wurden Haarnadeln und Kämme geschnitzt und gesägt, deren Oberflächen mit einem feinen Reliefdekor verziert waren. 560 Objekte aus Bein wurden allein im Grab der bekannten Königsgemahlin Fu Hao entdeckt. Aus Elfenbein wurden Luxusgegenstände gefertigt, wie etwa kostbare Trinkgefäße. Zwei besonders schöne, mit eingraviertem Dekor und Türkisintarsien übersäte etwa 30 cm hohe Becher mit einem eingezapften Griff in Form eines Raubvogelkopfes aus Elfenbein waren der Fu Hao für ein angenehmes und standesgemäßes Leben im Jenseits mitgegeben worden.
 
Die Hauptaufgabe der Werkstätten für Knochenmaterialien war jedoch, dies sei der Deutlichkeit halber angefügt, die Vorbearbeitung der Skapulae und Schildkrötenpanzer für die Divination und wahrscheinlich die Herstellung von Pfeilspitzen. Ebenso wie solche aus Stein waren sie die billigere Alternative zu denen aus Bronze. Man darf vermuten, dass die nichtmetallenen Spitzen der etwa 85 cm langen Pfeile - die Bogen waren knapp mannshoch - in den Kämpfen der Shangzeit immer noch eine Rolle spielten und auch auf der Jagd benutzt wurden. Zu den in großen Mengen angefertigten Gegenständen aus Knochenmaterial gehörten auch Pfrieme und Nadeln.
 
Durch Bodenfunde leider nur sehr spärlich dokumentiert sind die leicht vergänglichen Erzeugnisse der Webereien, die den Auftrag hatten, die Aristokratie mit Kleiderstoffen zu versorgen. Mengenmäßig dürfte Leinen das Hauptprodukt gewesen sein, doch erfreuten sich die mit ungleich größerem Arbeitsaufwand herzustellenden Seidenstoffe natürlich einer höheren Wertschätzung. Orakelanfragen, ob man der Seidenraupengottheit drei oder fünf »lao« (ein »lao« war ein Tieropfer mit einem Rind, einem Schaf und einem Schwein) darbringen solle, unterstreichen die Bedeutung, die man der Seidengewinnung und -verarbeitung beimaß. Wir wissen nicht, wo sich die notwendigen Maulbeerbaumpflanzungen befanden. Mit Sicherheit wurden die Blätter der Bäume an Ort und Stelle an die Seidenraupen verfüttert, wurden vermutlich dort auch die Kokons abgewickelt und zu Fäden zusammengedreht. Diese Vorprodukte gelangten dann wohl in die königlichen Handwerksbetriebe, die auf vielen Webstühlen die begehrten, oft mit Mustern versehenen Seidenstoffe herstellten.
 
Als wie kostbar Seide auch noch in der nachfolgenden Dynastie betrachtet wurde, verdeutlicht die überlieferte Gleichsetzung folgender Werte: 5 Sklaven = 1 Pferd = 1 Wickel Seidengarn. Seidenstoffe aus der Shangzeit, die als wertvolle Geschenke eine wichtige soziale Funktion in der Aristokratie erfüllten, wurden bisher nicht gefunden. Erhalten sind nur durch chemische Umwandlungsprozesse bedingte Abdrucke auf Bronzen und Jaden. Durch sie wurde der Brauch belegt, kostbare Grabbeigaben in Seidentücher zu hüllen.
 
Das Schicksal, aufgrund der schnellen Verrottung des Werkstoffes leicht in Vergessenheit zu geraten, teilten die holzverarbeitenden Werkstätten. Was den rein quantitativen Ausstoß an Produkten betrifft, gehörten sie sicherlich zu den führenden. Sie lieferten nicht nur die für den Haus- und Tempelpalastbau wichtigsten Konstruktionselemente, sondern ebenfalls diejenigen für die hölzernen Grabkammern oder Holzsarkophage in den riesigen Gräbern der Königssippe. Zahllose Stiele und Schäfte für Spaten, Erntemesser, Sicheln, Speere, Streit- und Stangendolchäxte, ferner Rahmen, Aufbauten und Speichenräder von Streitwagen, Holzlagen für die Kompositbögen und viele Millionen Pfeilschäfte gehörten ebenso zur Produktionspalette der Holzbetriebe wie die mit umfangreichem Schnitzwerk und Einlegearbeiten versehenen Untergestelle von großen Trommeln und Lithophonen. Möglicherweise waren es auch die Holzhandwerker selbst, die einen Teil ihrer Produkte, insbesondere Essgeschirr und Grabbeigaben, mit einer gegen schwache Säuren und Laugen schützenden Lackschicht versahen. Ebenso wie die Seidengewinnung lagen die Anfänge dieser Technik im Neolithikum.
 
Nicht fehlen dürfen bei den wichtigen Handwerksbetrieben die Brauer. Sie stellten auf Getreidebasis, meist Hirse, verschieden gewürzte alkoholische Getränke (»jiu«) her, die man aufgrund der verwendeten Rohstoffe als Biere bezeichnen müsste. So gut wie keine Rolle spielten Früchte als Ausgangsmaterial für die Produktion berauschender Getränke, so dass die in der westlichen Literatur etablierte Übersetzung von »jiu« mit Wein eigentlich nicht zutreffend ist. »Jiu« war ursprünglich wohl hauptsächlich für Opferzwecke bestimmt, doch soll die Shangaristokratie, jedenfalls im Urteil der Nachfolgedynastie, auch im profanen Leben einen recht ausgeprägten Hang zum übermäßigen Alkoholgenuss auf zügellosen Gelagen gezeigt haben. Leider sind uns keine Zahlen über den Ausstoß der in der Shangzeit prinzipiell ungebrannten Alkoholika (die Destillation lernte man erst wesentlich später) überliefert. Die bei Anyang entdeckten Einrichtungen, in denen man noch Brauhefe fand, deuten auf ansehnliche Produktionsmengen hin.
 
Eine Antwort auf die Frage, wie die (haupt)städtischen Handwerksbetriebe mit den notwendigen Rohmaterialien und Halbfertigwaren versorgt wurden, ist auf den Orakelknochen nur vage angedeutet. Ochsenkarren und Trägerkarawanen auf dem Wegenetz, das alle wichtigen Siedlungen verband, waren wohl die bevorzugten Transportmöglichkeiten. Hinzu kamen Schiffe, die auf dem Flusssystem des Hwangho samt seinen Nebenflüssen verkehrten und sogar direkt im Randbereich des Palasttempelkomplexes von Yinxu anlegen konnten. In Knochenepigraphen ist die Rede davon, dass man »die heimkehrenden Schiffe willkommen hieß«, und dass es eigens mit dem Bau von Schiffen befasste Amtsträger gab.
 
Viele der angelieferten Materialien waren Tributleistungen aus dem Shangreich, doch kam auch dem Tauschhandel, insbesondere wenn es um seltenere oder exotische Dinge ging, eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zu. Hier wären, neben der Jade und anderen zu Schmuck verarbeiteten Halbedelsteinen, die Gehäuse der Kaurischnecken zu nennen. Sie kamen von der südostchinesischen Küste oder noch entfernteren Regionen im oder am Pazifik und wurden vor allem durch ihren langen Transportweg zu Kostbarkeiten. Als Geschenke der Oberschicht wiesen sie auf Reichtum hin und wurden sogar zu einer Art Zahlungsmittel. Die schon mehrfach genannte Fu Hao muss eine wohlhabende Frau gewesen sein, da sich in ihrem Grab 7 000 solcher Gehäuse fanden.
 
 Arbeiten zum Wohl des Staates und das Militär
 
Zhongren«, die »Vielzahl der Menschen«, waren nicht nur das ökonomische Rückgrat der Shangdynastie, da sie die landwirtschaftliche Produktion sicherten, sondern sie waren auch die Garanten für das Wohlleben der Oberschicht und das hohe Niveau der materiellen Kultur. Ohne ihre Knochenarbeit hätten den Werkstätten die Rohstoffe gefehlt, und ohne ihre tatkräftige Mithilfe hätte es keinen Bronzeguss oder andere arbeitskraftintensive Produkte für die Herrschenden gegeben. »Zhongren« waren es auch, die alle monumentalen Bauprojekte verwirklichten. Sie umgaben mit Stampferdemauern das schon erwähnte Zentrum des bei Zhengzhou freigelegten Hauptstadtareals, das meist mit Ao bzw. Xiao, der zweiten Shangmetropole, identifiziert wird. Die Wälle waren ca. 7 km lang, ca. 10 m hoch, durchschnittlich über 20 m dick und schlossen ein Gebiet von 3,2 km2 ein. Eine moderne Berechnung ergab, dass 10 000 Menschen mit einem Arbeitstag von zehn Stunden und 330 Arbeitstagen pro Jahr etwa 10,5 Jahre für die Anlage dieses Verteidigungswerkes benötigten; andere Berechnungen kommen sogar auf 18 Jahre.
 
Die »Vielzahl der Menschen« baute hier überdies die zahlreichen Tempelpaläste und die königlichen Werkstätten, ebenso wie im Hauptstadtkomplex von Yinxu und allen übrigen Metropolen der Shangzeit. Ao bzw. Xiao und Yinxu verdankten ihnen ein ausgedehntes unterirdisches Drainage- und Abwassersystem mit bis zu 80 cm tiefen Gräben, die meist vor Errichtung der Gebäude gezogen wurden. Für die letzte Hauptstadt Yinxu hoben die »Vielzahl der Menschen« einen 7-12 m breiten und 5-10 m tiefen, etwa 3 km langen, rechtwinklig verlaufenden Kanal aus, der den zentralen Tempelpalastbereich gemeinsam mit dem angezapften Fluss Huan schützend einschloss.
 
Zehntausende von »zhongren« schachteten die in der Regel für die Beerdigung von Königen angelegten Monumentalgräber nordwestlich von Anyang aus. Wahrscheinlich legten sie auch viele der über 1 200 kleineren Gräber ganz in der Nähe an, in denen meist wohl rangniedrigere Aristokraten bestattet waren. Alle dreizehn bisher bekannten monumentalen Ruhestätten erforderten Erdbewegungen im vierstelligen Kubikmeterbereich. Das Beispiel eines Königsgrabes, nach seiner Ausgrabung als HPKM 1 004 bezeichnet, mag die Dimensionen etwas verdeutlichen. Die sich nach unten hin verjüngende eigentliche Grabkammer erreichte nach den Angaben von Li Ji eine Tiefe von über 12 m, maß in ihrer Nord-Süd-Richtung am Boden über 13 m und in Ost-West-Richtung knapp 11 m. Die Zugangsrampen, die der Gesamtanlage eine Kreuzform gaben, waren im Norden über 14 m, im Süden über 31 m, im Osten 15 m und im Westen fast 14 m lang.
 
Den Einsatz vieler »zhongren« erforderten auch die zahllosen königlichen Jagden, bei denen Treiber benötigt wurden sowie Leute, die Fallgruben aushoben. Schließlich mussten nicht wenige von ihnen die großen königlichen Herden von Rindern und Schafen hüten und versorgen, die gemeinsam mit Schweinen und Hunden in großen Stückzahlen für die Opfer bereitzuhalten waren, letztere natürlich auch für die Jagd und Wachaufgaben. Einige von der »Vielzahl der Menschen« hatten ferner als Büttel, zur Aufrechterhaltung der inneren Ordnung, Daueraufgaben zu erfüllen. Folgen wir den Ausführungen des im 3. Jahrhundert v. Chr. lebenden Legalisten Han Fei, so gab es unter der Shangdynastie äußerst strenge Gesetze: »Warf jemand Asche auf öffentliche Straßen, so wurden seine Hände abgehackt.« Man kann diesen Passus als bloße Metapher für harte Strafen auffassen, doch darf vermutet werden, dass zur Überwachung von Bestimmungen und zur Exekution von Strafen »zhongren« als Hilfspersonal unerlässlich waren.
 
Soldaten des Königs
 
Über ihre zivile Verwendung hinaus waren die »Vielzahl der Menschen« in Personalunion die Soldaten des Königs. Bei kriegerischen Auseinandersetzungen wurden sie in Tausendereinheiten mobilisiert und zu Armeen von 3 000, 5 000 und selten 10 000 Mann zusammengefasst. Sie kämpften üblicherweise als Fußsoldaten, wenn sie nicht im Tross für den Nachschub sorgten. Oberste Heerführer waren der König selbst, königliche Familienmitglieder oder aristokratische Amtsträger. Die Untergliederung der Fußsoldaten, deren Hauptwaffe Stangendolchäxte waren, reichte hinunter bis zur Kompanie mit 100 Mann.
 
Vermutlich wurden die Kämpfer üblicherweise von einen (Unter-)Offizierskorps befehligt, das zum größten Teil identisch war mit den Vorgesetzten, die in Friedenszeiten ihre Arbeitseinsätze dirigierten. Es muss allerdings auch eine Art berufsmäßiger Soldaten gegeben haben, wie die militärischen Ränge »wei« (Garnisonsoffizier), »she« (Bogenschützenoffizier) oder »quan« (Führer der [Kampf-]Hunde) vermuten lassen. Die Knochenepigraphen zeigen, dass der König bei Bedarf eine genau festgelegte Zahl von »zhongren« einem bestimmten Offizier zuordnen konnte. Es gab mit anderen Worten detaillierte Unterlagen über die Anzahl verfügbarer Soldaten und damit auch Arbeiter. Die präzisen Aufstellungen über erschlagene oder gefangengenommene Feinde, über Art und Umfang von Kriegsbeute, die gewissenhaften Niederschriften über die Produktion von Waffen und über andere Erzeugnisse der Handwerksbetriebe oder auch die minuziösen Vermerke über Jagdstrecken, alle diese Aufzeichnungen belegen eine umfangreiche Buchführung, die uns bedauerlicherweise nicht überliefert ist. ». ..Die Altvorderen der Yin(Shang)dynastie hatten sowohl Dokumente als auch Bücher«, wie es im »Shu-jing« heißt.
 
Damit wird auch klar, dass unter den schriftlichen Aufzeichnungen der Shangdynastie die Knochentexte nur eine Sonderform waren. Ähnlich wie in der Zhouzeit und später dienten Bambustäfelchen als übliches Beschriftungsmaterial, bis sie im 3. Jahrhundert n. Chr. vom Papier verdrängt wurden. Die zusammengebundenen und dann aufgerollten Bambustäfelchen, deren Existenz auch auf den Orakelknochen bestätigt wird, sind daher als die früheste Form des Buches in China zu betrachten, nicht die Knochenepigraphen. Wegen der Vergänglichkeit von Holz gibt es bisher keine entsprechenden archäologischen Funde aus der Shangzeit; die ältesten erhaltenen materiellen Belege stammen aus einem Grab der Zhan-guo-Zeit (481-221 v.Chr.).
 
Das Metier der Soldaten waren nicht nur Verteidigungs- und Eroberungsfeldzüge, sondern auch regelrechte Menschenjagden, um den Nachschub für die blutigen Opfer zu gewährleisten. 400 Menschen für ein einziges Ahnenopfer, 600 Menschen anlässlich eines Palastbaues und 164 Totenbegleiter in einem Grab bei Anyang lassen den grausigen Bedarf erahnen. Bevorzugtes Ziel des organisierten Menschenraubes waren die Qiang, ein prototibetisches Volk, das im Westen des Shangstaates lebte. Zu den Aufgaben der Soldaten gehörte auch die Bewachung der zu Tausenden zählenden Kriegsgefangenen sowie das schauerliche rituelle Abschlachten oder Umbringen (Kopf abschlagen, halbieren, lebendig begraben) bei der Darbringung von Menschenopfern.
 
Der Stellenwert der Streitwagen
 
Im Zusammenhang mit den Shangarmeen kann die Frage, inwieweit sie mit »che« (Streitwagen) ausgerüstet waren, nicht übergangen werden. Alle archäologischen und schriftlichen Quellen deuten darauf hin, dass der aus dem Westen über Innerasien nach China gelangte Streitwagen nicht vor dem 12. Jahrhundert v. Chr. benutzt wurde. Nach den Orakelknochentexten waren es zuerst die Feinde an den Westgrenzen, die anfingen, ab und an einige wenige gegen die Shang ins Gefecht zu schicken. Es gibt keine epigraphischen Hinweise, dass die Shang größere Streitwagenverbände aufgestellt oder diese in Schlachten eingesetzt hätten. »Che« blieben bei ihnen Prestigefahrzeuge der Herrschenden, die ab und an bei der Rhinozerusjagd oder selten als eine Art mobiler Feldherrenstand zum Einsatz kamen.
 
Eine ganz andere Bewertung erfuhren die Streitwagen bei den Zhou, einem Vasallen der Shang im Westen. Hier erkannte man früh die Möglichkeit, sie zu einer Phalanx gruppieren und damit in die Formationen gegnerischer Fußsoldaten einbrechen zu können. Gemäß verschiedenen historischen Quellen begannen die verantwortlichen Militärs der Zhou von dieser Taktik erfolgreichen Gebrauch zu machen, als sie sich anschickten, die Shangdynastie niederzuringen. Schon im 10./9. Jahrhundert v. Chr. war es dann gang und gäbe, in Gefechte zu ziehen, an denen Hunderte von Streitwagen beteiligt waren. Die dreiköpfigen Besatzungen, die aus einem Lenker, einem Kämpfer mit Lanze oder Stangendolchaxt und einem Bogenschützen bestanden, wurden meist von Angehörigen der Aristokratie gestellt. Einzelne Feudalstaaten der Chun-qiu-Zeit (722-481 v. Chr.), wie etwa der Staat Jin, verfügten über mehrere tausend Streitwagen. Bei der Schlacht von Chengpu im Jahre 632 v. Chr., in der eine Allianz von nördlichen Teilstaaten auf eine solche von südlichen prallte, wurden etwa 4 000-5 000 ins Treffen geschickt. An der Zahl aufbietbarer »che« taxierte man nicht nur die militärische Macht eines Teilstaates, sondern sie erlaubte auch Aussagen über sein wirtschaftliches Leistungsvermögen.
 
Die Herstellung der Gefährte, die mit verschiedenen bronzenen Beschlägen und Verzierungen versehen sein konnten, war relativ aufwendig. Sie hatten zwei 1,4 m hohe, 16-18 Speichen aufweisende Räder, eine Achslänge von 3 m sowie einen 1,5 m auf 1 m messenden Aufbau, der etwa 0,4 m hoch war. Signifikante Unterschiede zwischen Streitwagen aus der Shang- und frühen Zhouzeit gab es nicht. Ihre Hauptstärke entwickelte diese Waffe in der offenen Feldschlacht und in möglichst ebenem Gelände. Verschiedentlich wird im »Zuo-zhuan« berichtet, dass Soldaten das Terrain vor dem Kampf planieren und die zahlreichen, für die Essenzubereitung angelegten Feuergruben wieder zuschütten mussten. Über die Effizienz der Streitwagen in nicht geeignetem Gelände gibt es sehr unterschiedliche Meinungen, doch sollte ihr tatsächlicher Kampfwert in einem Treffen, vor allem in den Hügel- und Bergländern des nördlichen China, nicht überschätzt werden. Ein Grund, warum den Gefährten dennoch zum Beispiel im »Shi-jing« eine so große Bedeutung beigemessen wird, dürfte eher in ihrer Rolle als sichtbarem und beeindruckendem Symbol martialischer Macht und Überlegenheit liegen.
 
Insbesondere in der Zhouzeit war die ausreichende Versorgung mit Pferden, die man für die zwei- oder vierspännigen Wagen brauchte, ein größeres ökonomisches Problem. Grabfunde belegen die Verwendung relativ kleiner Tiere, ähnlich den heute noch gezüchteten, robusten Mongolenpferden. Viele von ihnen, vor allem wenn es um edlere Exemplare ging, mussten durch Tausch oder Kauf von den nördlichen Nachbarn erworben werden, wie dies auch im gesamten kaiserlichen China der Fall war.
 
In der Chun-qiu-Zeit erlebte der Streitwagen seine höchste Wertschätzung, wurde dann aber durch die militärisch wesentlich effektivere Infanterie völlig in den Hintergrund gedrängt. Als eine in ihrer Mobilität den Fußsoldaten überlegene Truppe ergänzten dann ab dem späten 4. Jahrhundert v. Chr. wendige, in jedem Gelände einsetzbare Reiterverbände die Armeen. Ihr Anteil an der Truppe lag jedoch immer nur im einstelligen Prozentbereich.
 
 Untergang des Shangstaats
 
Mit den ältesten Orakelknochentexten aus Anyang beginnen auch die Nachrichten über die Zhou. Sie waren die Nachbarn der Shang im Westen und lebten im Einzugsgebiet des Wei He, des größten Nebenflusses des Hwangho im Lössbergland der heutigen Provinz Shaanxi. Nach anfänglichen kleineren Auseinandersetzungen wurden sie Verbündete und Mitglieder des Shangstaates. Die Könige bezeugten ihnen oder genauer gesagt dem Herrscherklan der Ji auf mancherlei Art ihre Aufmerksamkeit und Verbundenheit, wie etwa durch die Verleihung des Titels »xibo« (Graf des Westens), durch offizielle Opfer für ihr Wohlergehen oder durch Anteilnahme bei Krankheitsfällen. Andererseits wird berichtet, dass die Zhou Befehle entgegennahmen, Ritualhandlungen am Shanghof beiwohnten und Tributgeschenke machten. Allein schon wegen der großen Entfernung zum politischen Zentrum der Shang in Yinxu war die Kontrolle über die Gefolgsleute aus dem Westen anscheinend nie sehr ausgeprägt und auch nicht kontinuierlich.
 
Falls die Zhou ursprünglich einmal Teil des tibetobirmanischen Volkes der Rong oder gar ein Turkvolk, wie manche Autoren annehmen, gewesen sein sollten, so hatten sie spätestens im Laufe des 12. Jahrhunderts v. Chr. ihre bisherige kulturelle Identität und Sprache weitgehendst aufgegeben und die Lebensart der Shang übernommen. Aus ihrer frühesten Geschichte ist bekannt, dass sie durch den Druck verschiedener Nachbarvölker, zu denen die in der traditionellen chinesischen Geschichtsschreibung als besonders kriegslustig geschilderten Xiongnu gehörten, zu mehreren Wanderungen gezwungen worden waren, die alle im Stromraum des Wei He stattfanden. »Zhouyuan« (die Ebene der Zhou), unterhalb des Berges Qi in der heutigen Provinz Shaanxi, wurde schließlich der Kristallisationskern ihres Gemeinwesens. Hier entdeckte man 1976 in der Nähe des Dorfes Fengchu den größten, über 3 000 Jahre alten Palasttempel der prädynastischen Zhou. Der auf der üblichen Piséplattform erbaute Gebäudekomplex mit drei Innenhöfen nahm fast 1 500 m2 ein. Während der Ausgrabungsarbeiten fand man dort 1979 in zwei Räumen über 17 500 Orakelknochenfragmente, deren beschriftete Stücke fast alle noch der Entzifferung harren. Sie belegen jedoch jetzt schon, wie sehr sich die Zhou auch in ihren kultischen Gepflogenheiten den Shang angepasst hatten.
 
Wenwang (König Wen oder »der kultivierte König«), das letzte prädynastische Oberhaupt der Ji, der seinen Königstitel offiziell erst postum erhielt, gelang es, seinen Herrschaftsbereich nachhaltig durch Eroberungen auszudehnen. Dies geschah überwiegend mit Billigung oder sogar auf Weisung des Shangmonarchen, der sich auf diese Art die Bürde ständiger Übergriffe von feindlich gesinnten Völkern und kleineren Staaten im Westen seines Reiches vom Halse schaffen wollte.
 
Als sichtbares Ergebnis der Expansion wurden einige Städte in den hinzugewonnenen Territorien angelegt. Die bekanntesten Gründungen waren Feng und Hao, auch Zongzhou genannt, südlich des Wei He und südwestlich der heutigen Stadt Xi'an. Diese Städte einschließlich ihres weiteren Umlandes bis zum Qinling Shan, der Scheidegebirgskette weiter südlich, sollten schließlich zum zentralen politischen und wirtschaftlichen Herzstück der frühen dynastischen Zhou werden. Von diesem Schlüsselgebiet aus wurde die Eroberung des Shangstaates vorbereitet und ins Werk gesetzt. Es war der im 12./11. Jahrhundert v. Chr. regierende Wenwang, der, so erfolgreich wie kein anderer vor ihm, den Aufstieg der Zhou vorangetrieben hatte. In der traditionellen Historiographie wird er fast immer als »wang« (König) bezeichnet, und der erste Kaiser der Westlichen Handynastie, Gaozu (202-195 v. Chr.), hielt ihn sogar für den bedeutendsten aller Könige.
 
Wie die meisten chinesischen Herrscherhäuser führte sich auch der Klan der Ji auf einen mythischen Ahnherrn zurück, und zwar auf Hou Ji (Fürst Hirse), der seine Zeugung dem Umstand verdankte, dass seine Mutter ihren Fuß in einen riesigen göttlichen Fußabdruck gesetzt hatte. Die Verknüpfung der Genealogie mit der Hirse scheint auf eine frühe Betätigung der Zhou als Ackerbauern hinzudeuten, weniger auf nomadische Viehhirten, wie in der älteren wissenschaftlichen Literatur oft behauptet wurde. »Der kultivierte König«, als Sohn einer Shangprinzessin und Schwiegersohn des vorletzten Shangkönigs eng mit dem Herrscherhaus verbunden, hatte offensichtlich auch unter Ausnutzung verwandtschaftlichen Wohlwollens und eines gewissen Vertrauensvorschusses seine Machtbasis erweitern und abrunden können. Zwar hatte zwischenzeitlich einmal üble Nachrede das Misstrauen des amtierenden Shangkönigs geweckt, und er hatte Wenwang gefangengesetzt, doch loyale Amtsträger erreichten die Freilassung ihres Herrn, indem sie schöne Mädchen, erlesene Kostbarkeiten und gute Pferde als Auslösungsgeschenke überreichten.
 
 Ein würdiger und ein unwürdiger Herrscher
 
Der Erfolg, den »der kultivierte König« mit seinen Feldzügen gegen die verschiedenen Gemeinwesen seiner näheren und weiteren Umgebung gehabt hatte, weckten in ihm anscheinend größere Begehrlichkeiten. Die traditionellen chinesischen Darstellungen sehen allerdings ganz andere Motive dafür. Demnach war ihm als besonders würdigem Klanherrn angeblich kundgetan worden, dass er das Mandat des Himmels erhalten habe, um das bedauernswerte Shangvolk aus seiner Unterdrückung zu erretten. »An einem Jiazi-Tag [der 1. Tag des oben erwähnten Sechzigerzyklus] ließ sich der rote Glücksvogel mit dem zinnoberfarbigen Dokument [das heißt dem schriftlich gefassten Mandat des Himmels] auf seinem [Palast-]Tor nieder«, wie es eine Quelle formuliert.
 
Wenwang verstand es, seine Qualifikation als auserwählter und gütiger Herrscher mit recht öffentlichkeitswirksamen Aktionen zu unterstreichen. So soll er einmal - mit Erfolg - dem Shangmonarchen einen Streifen Land am Fluss Lo He als Geschenk angeboten haben, wenn dieser auf die sadistische Strafe der »paoge« (Röstsäule) verzichtete. Hierbei mussten die Verurteilten über eine lange und runde, mit Fett eingeriebene Bronzesäule gehen, die horizontal eine tödliche Flammenglut überbrückte. Die verzweifelten Balancebemühungen, die ausnahmslos mit dem Absturz und dem Verbrennen der Unglücklichen endeten, sollen den König und seine Lieblingskonkubine ungemein ergötzt haben.
 
Als Beweis dafür, dass Wenwang, wie es heißt, »im Verborgenen Tugendhaftigkeit praktizierte und Gutes tat«, wird im »Shi-ji« von mehr und mehr Shangvasallen berichtet, welche die innere Ordnung und Harmonie unter ihm bewunderten und auf Distanz zu ihrem eigentlichen Herrn gingen. Sie sahen, »als sie das [Zhou-]Territorium betraten, dass alle Menschen, welche das Land bearbeiteten, die Feldergrenzen respektierten, und dass es im gesamten Volk Sitte war, die alten Leute zu achten«. Diese Metapher unterstreicht noch einmal die unbezweifelbaren Herrscherqualitäten »des kultivierten Königs« ohne Thron, der durch seine persönliche Integrität auch ein hohes Maß an moralischer Autorität verkörperte. Trotz bester Voraussetzungen gelang Wenwang jedoch die Ablösung der Shangdynastie nicht, die mit dem Mandat des Himmels eigentlich verbunden war. Dies blieb seinem Sohn Wuwang (König Wu oder »der kriegerische König«), dem offiziellen Gründer der Zhoudynastie, und dem Regenten Zhougong (Fürst Zhou) vorbehalten.
 
Die Legitimation für den Umsturz lieferte die Unwürdigkeit des letzten Shangherrschers, Zhou Xin, und sein grausames Regime. Angeblich gefiel es dem König, wilde Orgien an einem mit Alkohol gefüllten See zu feiern, der so groß war, dass ein Schiff darauf fahren konnte. 3 000 Gleichgesinnte umgaben ihn, die »auf einen Trommelschlag hin wie die Ochsen soffen«. In einem Wald aus aufgehängten Fleischstücken veranlasste der Wüstling nackte Frauen und Männer miteinander Fangen zu spielen; er soll sich darüber köstlich amüsiert haben. Zum Entsetzen der Geschichtsschreiber beging er sogar das Sakrileg, auf Einflüsterungen seiner Lieblingskonkubine Da Ji zu hören. Das Volk drangsalierte er mit dem sieben Jahre währenden Bau einer »1 000 m« hohen Warte, »yaotai« (Jadeterasse) genannt, deren quadratische Basis eine Seitenlänge von 800 m gehabt haben soll, um sich in luftiger Höhe sexuellen Vergnügen hingeben zu können. Ihm Paroli zu bieten hieß, sich in Lebensgefahr zu begeben oder war ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen. Denn er besaß herkulische Kräfte, die es ihm erlaubten, »neun Rinder zu Boden zu reißen«, und war außerdem so beredsam, dass er seine schlimmen Taten schönreden konnte und den anderen die Argumente ausgingen.
 
Zu den von ihm begangenen Ungeheuerlichkeiten gehörte es nach einer der frühen Quellen angeblich auch, dass er aus dem ältesten Sohn Wenwangs, der als Geisel am Shanghof weilte, eine Suppe bereitet hatte. Seiner Umgebung erklärte der König, der Wenwang während seiner oben erwähnten Inhaftierung auf grauenhafte Art bloßstellen wollte: »Ein weiser Mensch dürfte eigentlich eine aus seinem Sohn bereitete Suppe nicht essen. Wenwang aß sie [nichtsahnend]. Zhou Xin meinte: Wer sagt, dass der Graf des Westens [das heißt Wenwang] ein Weiser sei? Er isst eine aus dem eigenen Sohn bereitete Suppe und weiß es nicht einmal.« Kurzum, in den traditionellen Schilderungen wird kein gutes Haar an ihm gelassen. Das Bild des schlechten letzten Herrschers, das ansatzweise, aber nicht in solch grellen Farben, auch für den letzten Xiakönig gezeichnet worden war, entfaltete sich in der Person Zhou Xins zu satanischer Großartigkeit und Abartigkeit. Seine grenzenlose Verderbtheit wurde in der Literatur des traditionellen China oft als abschreckendes Beispiel bemüht.
 
Die offizielle Geschichtsschreibung, die später in konfuzianischer Hand lag, übernahm und verallgemeinerte das Bild vom unwürdigen und unfähigen letzten Monarchen zu einem Topos (gern gewähltes Klischee). Er fand Eingang in die amtlichen Geschichtswerke, die sich mit dem Schicksal der verschiedenen Dynastien beschäftigen. Auch die Idee des »tianming« (Mandat des Himmels) wurde von den Konfuzianern aufgegriffen. Durch das Mandat des Himmels waren Wenwang und sein Sohn Wuwang, der offizielle Gründer der Zhoudynastie, beides würdige und fähige Leute, zu rechtmäßigen Herrschern gekürt worden, mit der Pflicht, die korrupte Shangdynastie zu stürzen.
 
Etwas modifiziert wurde daraus eine sehr pragmatische Lehre. Die Führer von Aufständen, die hauptsächlich für Dynastiewechsel sorgten, wurden immer dann automatisch zu legitimen Monarchen, wenn sie - egal unter welchen Umständen und zu welchem Blutzoll - Erfolg hatten. Reüssierten sie nicht, waren es eben Banditen, und der amtierende Herrscher hatte gezeigt, dass er nach wie vor im Vollbesitz von »tianming« war. Durch diese Betrachtungsweise gab es nur legitime Dynastien und legitime Ablösungen von Dynastien in Chinas Geschichte.
 
 Veränderungen in den Jenseitsvorstellungen
 
Was hat man sich unter dem schon mehrfach genannten Himmel, der Könige und Kaiser zu rechtmäßigen Herrschern machte, vorzustellen? In den Jenseitsvorstellungen der Shangdynastie war es »shangdi«, »Gott in der Höhe« gewesen, der über die Ahnen und Naturgottheiten gebot. Sein Wohlwollen war für jegliches Gedeihen im Diesseits vonnöten. Der Shangkönig war die Schlüsselfigur, die den Zugang zu ihm und seinen Untergebenen fast monopolartig kontrollierte und die Aufmerksamkeit und Gunst der numinosen Wesen auf irdische Vorgänge lenken konnte. In dieses in sich schlüssige und geschlossene System fanden Fremde nur mit königlicher Zustimmung Eingang.
 
Die Zhou entwickelten unter Beibehaltung der Ahnenverehrung demgegenüber als Konkurrenzmodell das Konzept des »tian« (Himmel), das sich trefflich über die Glaubensvorstellungen der Shang stülpen ließ, ohne die einmal etablierte Autorität von im Götterhimmel Versammelten anzutasten. »Tian« war nach dem Verständnis der Zhou, abgesehen von seiner sichtbaren Präsenz, einerseits das Pantheon, in dem die Naturgottheiten und alle Ahnen, an bevorzugter Stelle natürlich die eigenen, aber auch »shangdi« Platz hatten; andererseits war »tian« ein aus der Gesamtheit der versammelten Jenseitigen gewonnenes Destillat. Es war eine alleroberste, mit moralischen Qualitäten ausgerüstete Instanz, der bei Ritualhandlungen der höchste Rang zukam.
 
Selbstredend war nur der Zhoukönig zu jedweder Kontaktaufnahme mit dem Himmel befugt. Er allein war es, der den Himmel durch Opfer für irdische Belange günstig stimmen konnte. Nunmehr lenkte »tian«, nicht mehr »shangdi« mit oberster Autorität alle Geschicke. So gelang es den Kult- und Religionsspezialisten der Zhou, die beherrschende Gestalt des »Gottes in der Höhe«, der als vergöttlichter oberster Ahn der Shang nicht einer der ihren war, durch Integration zu entpersönlichen und schließlich zum Verblassen zu bringen. Der Prozess der Verschmelzung fand vor und noch lange nach dem Dynastiewechsel statt. Der damit entstehende Himmelskult wurde und blieb mit Modifizierungen Bestandteil des Staatskultes, der für das gesamte traditionelle China ein charakteristisches Merkmal war. Seit der Zhouzeit hieß jeder rechtmäßige chinesische Monarch »tianzi« (Sohn des Himmels), der legitimiert war, über »tianxia« (das, was unter dem Himmel ist) zu herrschen.
 
Als weiteren geschickten Schachzug der erfinderischen Sachverständigen für Glaubensfragen kann man die Aufwertung des Kultes der Erdgottheiten (»she«) ansehen. Hierbei nutzten sie die Tatsache, dass es schon seit der Xiadynastie und früher die Verehrung derartiger lokaler Gottheiten in den Dörfern und Siedlungen gegeben hatte. Systematischer als die Shang es jemals vermocht hatten, bündelten die Zhou die lokalen und regionalen Einzelkulte, die alle Zeitläufe überstanden hatten, in einem zentralen She-Kult. Sie verliehen ihm eine Aura besonderer Bedeutung, da er auf der höchsten möglichen Ebene, nämlich in der Hauptstadt vom König, gleichberechtigt mit den anderen Ritualhandlungen zelebriert wurde. Alle lokalen Gottheiten waren damit auch in einem zentralen und umfassenden Kultus integriert worden. Ihre möglichen zentrifugalen und partikularistischen Wirkungen, die sie auf den Zusammenhalt des Zhoustaates hätten ausüben können, wurden so in hohem Maße kompensiert, ein Wir-Gefühl wurde möglich. Ähnlich wie der Himmelskult wurden regelmäßige Opfer an den Altären für die Erdgottheiten zu einem festen Bestandteil des Staatskults im kaiserlichen China.
 
 Das Ende der Shang
 
Die entscheidenden Angriffe auf den Shangstaat erfolgten unter der Führung Wuwangs wahrscheinlich Mitte des 11. Jahrhunderts v. Chr. Sie waren psychologisch durch die Verteufelung des letzten Shangkönigs und ideologisch durch die Theorie vom verwirkten Mandat des Himmels gut vorbereitet. Der Zugewinn an Menschen und ansehnlichen Flächen fruchtbaren Landes unter Wenwang hatte ferner günstige personelle und wirtschaftliche Voraussetzungen für erfolgreiche Militäroperationen geschaffen. Hinzu kam eine geschickte Politik gegenüber Nachbarn, von denen etliche als Verbündete gewonnen werden konnten. Den Diplomaten der Zhou gelang es sogar, den weit entfernt liegenden Staat Shu in Sichuan als Alliierten bei der Attacke auf die Shang einzubinden. Entgegen den traditionellen einheimischen Darstellungen war es keinesfalls ein Feldzug, um die geknechtete Shangbevölkerung aus ihrem Jammertal zu führen oder von ihrem ruchlosen König zu befreien, sondern ein blutiger, vom ehrgeizigen Klan der Ji betriebener Eroberungskrieg.
 
Dabei profitierten die Eindringlinge auch von Kenntnissen, die sich ranghohe Mitglieder der Zhouherrschersippe vorher bei langjährigen Aufenthalten am Shanghof in Yinxu hatten erwerben können. Wie gut die Aggressoren über die Situation bei ihren einstigen Herren und Vorbildern unterrichtet waren, wird durch den Zeitpunkt deutlich, den sie für den ersten und wichtigsten Angriff wählten. Der amtierende Shangkönig Zhou Xin hatte wegen andauernder Grenzkriege am Ostrand des Reiches seine Hauptstadt für längere Zeit verlassen müssen. Die in Fußmärschen über Hunderte von Kilometern vorrückenden Heere der Zhou und ihrer Verbündeten trafen somit auf einen nur bedingt abwehrbereiten Gegner. Die früh einsetzende Legendenbildung sah auf Seiten der Zhou weniger als 50 000 Soldaten, denen 700 000 Shangkämpfer gegenüberstanden. Da erstere jedoch so tugendhaft waren, leisteten letztere kaum Widerstand, sondern wechselten sogar noch während des Kampfes, obwohl haushoch überlegen, die Fronten. Reduziert man die verklärenden Überhöhungen auf einen glaubwürdigen Kern, wird man sagen können, dass die zahlenmäßig vielleicht schwächeren, aber kampferprobteren und besser motivierten Zhouarmeen die Shangdynastie militärisch durch mehrere Siege in ihren Grundfesten erschütterten und so den Untergang ihrer einstigen Vorbilder und Herren besiegelten.
 
Die wichtigste Schlacht dieses Krieges fand bei Muye (nordöstlich von Zhengzhou, am linken Ufer des Gelben Flusses) statt. Vor ihrem Beginn hatte Wuwang seinen Mannen eine flammende Rede gehalten. Psychologisch geschickt appellierte er an ihren Kampfgeist, vergaß aber auch nicht, ihnen die Konsequenzen zu nennen, falls sie versagen sollten. Als Rechtfertigung für den bevorstehenden Kampf rief er ihnen noch einmal die zum Himmel schreienden Missetaten des Shangkönigs ins Gedächtnis und fuhr dann fort: ». .. Seid fürchterlich, seid wie Tiger, seid wie Bären, seid wie Wölfe, seid wie grausame Drachen. .. gebt euch größte Mühe, Männer! Werdet ihr euch nicht die größte Mühe geben, wird die Todesstrafe über euch kommen«.
 
Auch wenn diese Worte sehr zum militärischen Erfolg der Zhou beigetragen haben mögen, ein wichtigerer Grund hierfür wird von vielen Historikern im Einsatz von etwa 300 Streitwagen gesehen. Man findet zwar auch wesentlich höhere Zahlenangaben, doch sind in diesen die zahlreichen Trosswagen enthalten, die in den Quellen oft ebenfalls als »che« bezeichnet werden und nur aus dem Kontext von den Streitwagen unterscheidbar sind. Die Zahl von 300, die von dem im 4. Jahrhundert v. Chr. lebenden Mengzi genannt wurde, scheint angesichts der vielen tausend Streitwagen in der Chun-qiu-Zeit (722-481 v. Chr.) recht gering. Vermutlich kam jedoch Shangye, dem äußerst fähigen Oberkommandierenden der Zhoustreitkräfte, der Überraschungseffekt durch die neue Waffe zugute und der Umstand, dass sie in der Ebene bei Muye, nicht behindert durch ungünstiges Gelände, ihre volle Stärke und Durchschlagskraft entfalten konnte. Der besiegte König Zhou Xin floh, kleidete sich ein letztes Mal in seine kostbarsten, mit Perlen und Jadebesatz geschmückten Kleider und wählte den Freitod im Feuer.
 
Den militärischen Triumph meldete König Wu dem Himmel und seinen Vorfahren im Ahnentempel der Zhouhauptstadt. Er opferte ihnen als Dank für ihre Unterstützung 100 höchste Amtsträger der besiegten Shangaristokratie und 504 Rinder. Im Rahmen des She-Kults wurden bei dieser Gelegenheit über 2 700 Schafe und Schweine dargebracht. Die Opfertiere könnten ein Teil der riesigen Kriegsbeute gewesen sein, die aus Yinxu abgeschleppt worden war. Hierzu hatten auch 180 000 Jadegegenstände gehört. Einen endgültigen Abschluss fanden die Militäroperationen gegen die Shang erst einige Jahre später. Nach dem zeitigen Tod »des kriegerischen Königs« zerschlug dessen jüngerer Bruder Zhougong (Fürst Zhou) als Regent für den damals noch unmündigen Thronfolger letzte Reste des Shangherrscherhauses. Mit einigen Gleichgesinnten hatte es Aufstände gegen die neuen Herren angezettelt. Nach der Strafexpedition ließ Zhougong große Teile des entmachteten Klans der Zi und seiner Seitenlinien in andere Landesteile deportieren.
 
Prof. Dr. Klaus Flessel, Erlangen
 
Weiterführende Erläuterungen finden Sie auch unter:
 
China von 221 v. Chr. bis 220 n. Chr.
 
Hochkultur: Annäherung an einen umstrittenen Begriff
 
Grundlegende Informationen finden Sie unter:
 
Chinas frühe Hochkultur: Frühzeit und Reichsbildung
 
 
Das alte China. Geschichte und Kultur des Reiches der Mitte, herausgegeben von Roger Goepper. Mit Beiträgen von Helmut Brinker u. a. München 1988.
 Bauer, Wolfgang: China und die Hoffnung auf Glück. Paradiese, Utopien, Idealvorstellungen in der Geistesgeschichte Chinas. München 31989.
 
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Universal-Lexikon. 2012.

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